Eine kürzlich wiederentdeckte Choralfantasie Johann Sebastian Bachs über „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“ bildet das Zentrum dieses Programms: Das Werk tauchte auf im Nachlass des Thomasorganisten und -kantors Wilhelm Rust (1822-1892) und lässt sich Bachs Mühlhausener Schaffenszeit (1707-1708) zuordnen. Deutlich hörbar ist der starke Einfluss der norddeutschen Orgelschule, mit der der junge Bach sich in jener Zeit schon ausführlich auseinandergesetzt hatte. Von dort her bezog er wesentliche Inspiration für die Verarbeitung von Kirchenliedmelodien im komplexen kontrapunktischen Orgelsatz, der in spezieller rhetorisch-musikalischer Ausprägung stets auch nonverbal Bezug nimmt auf Affekte bzw. Schlüsselaussagen des Textes. Wilhelm Rust hatte das Werk offenbar für unecht gehalten und es daher in den Anhang des Bach-Werkverzeichnisses verbannt. Dies verwundert den mit Bach vertrauten Hörer, der wohl kaum eine Minute bezweifeln wird, dass er ein echtes Werk vor sich hat.
Das etwas mehr als fünf Minuten lange Stück, das von Thomasorganist Ullrich Böhme kompetent zu Gehör gebracht wird, war zwecks Füllung der CD zu umgeben mit weiterer Musik. Man wählte hierfür einerseits Bearbeitungen desselben Chorals von anderen Musikern an der Thomaskirche, namentlich Elias Nicolaus Ammerbach und Johann Hermann Schein. Andererseits kommt Johann Sebastian Bach mit seiner Kantate BWV 178 über ebenjenes Kirchenlied sowie mit weiteren Choralbearbeitungen für Orgel zu Wort. Schließlich ist noch Wilhelm Rusts eigenes kompositorisches Schaffen durch eine Motette und eine Orgelfantasie repräsentiert. Ein buntes und doch recht reizvolles Programm, das nicht komplett neu eingespielt wurde, sondern teilweise aus wesentlich älteren Aufnahmen besteht. Die vokalen Nummern, dargeboten von den Thomanerknaben und teils begleitet vom Gewandhausorchester, werden den Liebhaber der historisierenden Aufführungspraxis nicht vom Hocker reißen – sie wurden zwar auf solidem interpretatorischen Niveau verwirklicht, ermangeln im Endergebnis aber doch ein wenig der Griffigkeit und Prägnanz. Bravheit bestimmt eher das Bild.

Michael Wersin, 05.09.2008



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