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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 6 a-Moll

Chicago Symphony Orchestra, Bernard Haitink

CSO-Resound/harmonia mundi CSO 901807
(91 Min., 10/2007) 2 CDs, SACD

1970 nahm Georg Solti mit dem gleichen Orchester Mahlers Sechste auf, und der „tragische Held“ saß vom ersten Takt an in einem Expresszug, der ihn unaufhaltsam seinem Untergang entgegenschleuderte. Nicht jeder Kritiker mochte das, es hatte auch etwas Gehetztes, war aber von fabelhafter Konsequenz: Bei dieser Beschleunigung mussten die Hammerschläge des „Schicksals“ im Finale noch brutalere Einbrüche verursachen, sozusagen ultimative Crashtests eines nach Höherem strebenden Lebens. Der Niederländer Haitink war solcher Haltung noch nie zugeneigt. Wenn man etwas Gutes über ihn las, hatte er ein Werk „genau ausgehört“, wenn etwas Schlechtes, dann fiel meist das Wort „brav“. Bei dieser Live-Aufnahme aus Chicago donnert denn auch kein Expresszug durch die Nacht, schon eher zuckelt ein Interregio, und bei allem (meist) skrupulösen Befolgen der Mahler'schen Spielanweisungen kriegt das Ganze dann doch etwas Behäbiges, Erdenschweres, das den finalen Zertrümmerungen wenig Wucht entgegensetzt. Und das hat nur in zweiter Linie damit zu tun, dass Haitink für den Kopfsatz fast sechs Minuten mehr braucht als Solti. Es ist vielmehr eine Haltung, die man „gesund“ nennen muss. Aber auch: ein wenig fantasielos.
In Mahlers Oeuvre hat die Sechste einen besonderen Stellenwert, sozusagen als musikalische Darstellung des Undarstellbaren: der Vergeblichkeit menschlichen Strebens. Die Sechste blieb lange Zeit unverstanden und daher ungespielt, sie schien für den Komponisten geradezu „Form gleich Inhalt“ auszudrücken. Abergläubisch geworden, hörte er in den drei Hammerschlägen tatsächlich das eigene Scheitern voraus, und er strich spät noch den dritten – in der Hoffnung, nicht davon ereilt zu werden. Vergeblich, denn in Mahlers Leben schlug der „Hammer“ eben doch wenig später dreimal zu: als Wiener Hofoperndirektor wurde er ausgebootet, seine geliebte Tochter Anna starb im Alter von nur vier Jahren, und die „Krankheit zum Tode“, ein schweres Herzleiden, wurde diagnostiziert, ein durchaus „unaufhaltsamer Untergang“. Davon lässt Haitink nur wenig ahnen. Er besitzt fast nur die Genauigkeit, die (wohl aufgrund der Live-Bedingung) allerdings auch mitunter wackelt. Die Klangqualität ist natürlich höher als die bei Solti – aber dort erfährt man nun mal viel mehr über das komplizierte Innenleben des Dr. Mahler.

Thomas Rübenacker, 05.09.2008



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