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Maestro for the Screen

Herbert von Karajan

Arthaus/Naxos 101 459
(52 Min., 2008) 1 DVD

Erdbebensicher gefönte Silberlocke, vorgeschobene Kinnlade und diese Hände, die Urgewalt bis in den kleinen Finger ausstrahlten – so lernte ein bundesdeutsches Millionenpublikum Herbert von Karajan kennen, als die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten noch die Sendehoheit besaßen. Denn wenn es einen Dirigenten diesseits des Atlantiks gab, der auf dem Gebiet der Klassik die popularitätsfördernde und damit auch ökonomische Macht der Fernsehbilder erkannte, dann war es Karajan. Ab dem TV-Debüt 1964, bei dem er in Berlin noch ein zusammengewürfeltes Orchester dirigiert hatte, inszenierte er zunächst mit Regisseuren wie Henri Clouzot seine Konzertaufnahmen mit den Berliner Philharmonikern, bis er sich schließlich berufen fühlte, das Heft des Handelns und der Regie komplett zu übernehmen. Und glaubt man nun auskunftsfreudigen Altphilharmonikern wie Thomas Brandis und Dietrich Gerhardt, achtete Karajan penibel auf den ästhetischen Gesamteindruck: Bartträger waren bei den Aufzeichnungen verpönt, während die Kollegen mit allzu schütterem Haar sich eine Perücke aufsetzen mussten. Solche Kuriosa und weitere Insiderinformationen hat jetzt Regisseur Georg Wübbolt seinen zahlreichen Gesprächspartnern entlocken können – für seine sehenswerte Dokumentation "Herbert von Karajan – Maestro for the Screen", die zugleich auch den Menschen Karajan porträtiert.
Egomane und Technikfreak – mit dieser von Karajans ehemaligen Weggefährten und Produzenten bestätigten brisanten Mischung war garantiert, dass Karajan erst sich und beispielsweise erst dann die Beethovensinfonien in die rechte Kameraperspektive setzte. Und kaum verwunderlich ist es, dass es daher gerade zwischen Karajan und Regisseur Hugo Niebeling knallen musste. Denn in Niebelings kongenialer Umsetzung von Beethovens sechster Sinfonie stand nicht Karajan als alleiniges Wunder im Mittelpunkt. Niebeling hatte 1967 tief in die Trickkiste gegriffen, um allein die Stimmungsbilder der Pastorale in suggestive und bisweilen surreale Klangbilder zu verwandeln. Als Karajan damals das Ergebnis sah, soll sein Gesicht laut Niebeling dementsprechend nicht bleich, sondern grün gewesen sein. Alles, was Karajan daraufhin in Eigenregie in die Wohnstuben übertragen ließ, mag sich für die Marke "Karajan" mehr ausgezahlt haben, künstlerisch ist er jedoch an Niebelings visionären Coup nie herangekommen.

Guido Fischer, 05.09.2008



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