Responsive image

Leucocyte

e.s.t.

ACT/Edel ACT 9018-2
(68 Min., 1/2007) 1 CD

Es sollte ein Aus- und Aufbruch sein. Doch es wurde zu einem Vermächtnis, zu einem Requiem voller Wucht, Lust, Verstörung und Verklärung. Man kann dieses Album nicht mehr unvoreingenommen hören – jetzt, da Esbjörn Svensson tot ist, mit 44 Jahren umgekommen bei einem Tauchunfall in den Schärengärten vor Stockholm.
Die Musik auf „Leucocyte“ ist die Quintessenz einer zweitägigen Jamsession, die Pianist Svensson, Bassist Dan Berglund und Schlagzeuger Magnus Öström im Januar 2007 in Australien aufnehmen ließen. Das Resultat, das noch vor dem Ableben des Bandleaders der Plattenfirma übergeben wurde, ist stellenweise erschütternd. Denn auf „Leucocyte“ zeigt sich das Esbjörn Svensson Trio zum einen so radikal und mutig wie lange nicht. Zum anderen findet sich in dem über einstündigen Material (inklusive Schweigeminute) alles verborgen, was e.s.t. ausmachte und bewegte: Der grimmige Spaß am Hardrock, mit dem Svensson und sein Kindheitsfreund Öström auf Farbeimern und einem verstimmten Klavier vor 40 Jahren ihre lebenslange musikalische Verbindung gründeten (man vernehme auf „Earth“ die zornigen Maschinengewehrsalven des Schlagzeugs!), die Liebe zu Thelonious Monk („Jazz“), zu abstrus-scherzhaften Klangexperimenten („Still“), zu Balladeskem („Contorted“, „Ajar“). Dann aber, mit den unter dem Obertitel „Leucocyte“ suitenhaft zusammengefassten letzten Stücken der CD, begibt sich das Trio unversehens in die Unterwelt. Alles verzerrt sich, zerfällt und fügt sich schlussendlich zu einer Art Loop mit Glockenläuten und einem Chor nicht von dieser Welt. „Ad infinitum“ ist der Abschluss überschrieben. Hin zur Unendlichkeit, in die uns Esbjörn Svensson vorausgegangen ist.

Josef Engels, 12.09.2008



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top