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Franz Schubert

Lieder

Bernarda Fink, Gerold Huber

harmonia mundi HMC 901991
(75 Min., 9/2007) 2 CDs

Über das Alter einer Dame spricht man nicht – diese Regel sei hier frech übertreten, denn die zu verratende Zahl hat den Rezensenten selbst sehr überrascht: 53 Lenze zählt Bernarda Fink bereits. Wo sind all die erfüllten Jahre ihrer vorbildlich geführten Karriere geblieben? Lieder von Franz Schubert haben in ihren Konzerten immer wieder eine wichtige Rolle gespielt. Aber sie hat lange gezögert, eine Auswahl davon auf CD zu präsentieren, aus Respekt vor diesem schwierigen Repertoire vermutlich. Nun ist es da, ihr Schubertrezital – beginnend mit den äußerst nachdenklichen "Göttern Griechenlands" ("Schöne Welt, wo bist du?") nach Schiller, dann sogleich zu einem allseits bekannten Lob der Musik übergehend: "An die Musik" ("Du holde Kunst ..."). Explizite Frauenlieder sind eine Seltenheit in diesem mit 25 Titeln überreichen, bunt gemischten Programm: "Die junge Nonne", "Liebe schwärmt auf allen Wegen", "Lied der Mignon", "Gretchen am Spinnrade". Neben sehr bekannten Titeln ("Rastlose Liebe", "An Silvia") und immer wieder bezaubernden Perlen ("Im Frühling", "Romanze") präsentiert Bernarda Fink auch Unbekannteres: "Auf der Riesenkoppe" nach Körner oder "Dass sie hier gewesen" nach Rückert.
In stimmlicher Hinsicht erfreut ganz besonders Finks gekonnter Zugriff auf die tiefe Lage – die fügt sich mit wohltuend entspannter Offenheit nahtlos an die Mittellage an und sorgt in vielen der Gesänge für ganz unmittelbare, persönlich gefärbte Ausdrucksstärke. Im Blick auf die Höhe hingegen mag man hier und da auf den Gedanken kommen, dass ihr langes Zögern in Sachen Schubert doch ein wenig bedauerlich ist. So mangelt es etwa den beiden Spitzentönen in "Gretchen am Spinnrade" deutlich an jener Kraft, die ihnen nach der langen vorausgehenden Anstiegsphase eigentlich zukäme: "An seinen Küssen vergehen sollt" – wäre da nicht weit mehr ekstatische Selbstentäußerung angebracht? Auch im Piano läuft der obere Bereich der Stimme nicht mehr ganz so problemlos wie früher: Neben faszinierend gut geführten Tönen gibt es immer wieder auch solche, die leicht flackern und ein wenig von Nebengeräuschen behaftet sind und denen es einfach auch an jener mühelosen Freiheit im Ansatz mangelt, durch die der Text ganz ungehindert zur Geltung kommen könnte: Bernarda Finks Stimme altert in dieser Hinsicht ganz ähnlich wie die von Janet Baker. Wenn auch in stimmlicher Hinsicht das eine oder andere kritisch anzumerken ist: All dies ändert nichts an der Tatsache, dass Bernarda Fink mit ihrem Schubertrezital einmal mehr ein akribisch und detailliert durchgestaltetes Liederprogramm vorlegt, eine interpretatorische Reifeleistung, die nicht ohne Weiteres einzuholen ist. Wie schön, dass es immer noch Sänger gibt, die das Kunstlied als anspruchsvolle Aufgabe ohne Wenn und Aber mit dem gebotenen Ernst und Fleiß behandeln.

Michael Wersin, 12.09.2008



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