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Wolfgang Amadeus Mozart

"Alles fühlt der Liebe Freuden"

François Leleux, Camerata Salzburg

Sony BMG 88697 33943-2
(70 Min., 6/2008) 1 CD

Aufführungspraktische Grenzgänge gehören bei der Camerata Salzburg zum Programm: Von 1997 bis 2006 wurde das Ensemble vom historisierend arbeitenden Roger Norrington geleitet. Auch das Wirken seines Vorgängers Sándor Végh war zumindest aus dieser Richtung inspiriert. Der durchsichtige, vibratoarme Klang des Kammerorchesters, die detailgenaue, "sprechende" Artikulation und die faszinierende Transparenz des Gesamtklangs stehen in dieser Hinsicht bis heute für sich. Dennoch musiziert man auf modernen Instrumenten und arbeitet auch mit Solisten, die dies tun. Dass man auf diesem Wege dennoch ein interpretatorisch auf der Höhe der Zeit angesiedeltes Ergebnis erzielen kann, bewies die Camerata u. a. durch ein Programm von Mozartklavierkonzerten mit Stefan Vladar als Solist. Ein weiteres Mal präsentiert sich die Camerata nun mit Mozart, diesmal gemeinsam mit dem Oboisten François Leleux.
Schwerer noch als beim modernen Konzertflügel fällt es dem Hörer vielleicht bei einer modernen Oboe, sie vor dem Hintergrund der historischen Aufführungspraxis zu akzeptieren: Allzu sehr verbindet man doch den betörend-süffigen, fast übersüßen Klang dieses Instruments in heutiger Bauart etwa mit der Sinfonik des späten 19. Jahrhunderts. Zudem wartet Leleux mangels Originalliteratur mit einer Reihe von Bearbeitungen auf: Nicht nur das Flötenkonzert KV 313 und das Violinrondo KV 373 wurden auf die Oboe übertragen. Auch die beiden Ariengruppen aus der "Zauberflöte" und dem "Don Giovanni" sind freilich Bearbeitungen, vorgenommen übrigens von Herrn Leleux selbst. Die durch all diese Aspekte verursachte Skepsis weicht indes deutlich beim Hören der CD: So geschmackvoll und dezent agiert Leleux (trefflich verziert er bei einigen seiner Arienbearbeitungen), so vielfältig und nuancenreich vermag er die Farben seines Instruments einzusetzen, dass der Hörer den Eindruck überzeugender interpretatorischer Unmittelbarkeit gewinnt: Hier musiziert jemand nicht vor dem Hintergrund verkrusteter stilistischer Stereotype, sondern ganz aus dem eigenen tiefen Einfühlungsvermögen für die Musik heraus. Leleux schenkt den Hörern "seinen" Mozart – und das ist unterm Strich, Aufführungspraxis hin oder her, wahrlich kein schlechter Vermittlungsansatz.

Michael Wersin, 19.09.2008



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