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Mauricio Kagel

Acustica

TAM Theater Krefeld

Zig Zag / harmonia mundi ZZT 080403
(75 Min., 3/2007, 4/2007) 1 CD

All zu wohl und gar zu sicher sollte man sich in Mauricio Kagels Klangmaschinenräumen nicht fühlen. Schließlich speiste sich Kagels Energie schon immer aus dem Zweifel an vertrauten Konstanten und Koordinaten. Seitdem er seinen Unfrieden mit jeglicher Form von musikideologischer Haarspalterei gemacht hat. Kagels Kunst ist die des ständigen Perspektivwechsels und des Gegen-den-Strom-Schwimmens. Und gerade die Rituale der Musikproduktion und des Musikbetriebs hat Kagel dabei nicht selten im Visier gehabt. Und weil in seiner instrumentalen Musiktheaterwelt nicht nur schon mal ein klassisches Cello auf links gedreht wird, sondern Kagel dafür selbst scheinbar obskurste Klangerzeuger aus seiner Instrumentenschatzkiste herauskippt, können entsprechend pandämonische Versuchsordnungen herauskommen. Wie bei dem kaum gealterten Kagel-Klassiker "Acustica" von 1970 für Tonband und fünfköpfiges Ensemble.
Allerlei handelsübliche Objekte aus dem Baumarkt (Lötbrenner, Nagelschachtel) und der Kinderspielzeugabteilung (Quietschtiere), aber auch so manche Exotika wie ein australisches Schwirrholz bilden hier den bunten Grundstock für eine musikalische Böse-Nacht-Prozession. Da wird zu schamanenhaften Bläserarien geschraubt, geschabt und geklopft. In einer Ecke scheint sich eine Industriestahlskulptur mit Getöse in Bewegung zu setzen, während hier gegurgelt, gejammert und gefiept wird. Schauerlich geht es in dieser Klanghöhle zu, scheint man Ohrenzeuge zu werden von den allerersten, akustisch noch unbeholfen herumkrabbelnden Elementen. Und obwohl Kagel ihren Parcours durchaus vorgegeben hat, muss jeder Musiker doch erst einmal seine ganz eigenen Lautgebärden und -gesten entdecken und sortieren. Jede Aufführung von "Acustica" bietet somit immer wieder eine andere Urklangtheorie. Wie abenteuerlich jede aber ausfallen kann, hat nun das Ensemble vom Krefelder TAM (Theater am Marienplatz) entlang zweier Versionen dokumentiert, die während eines Gastspiels beim Printemps des Arts Festival in Monte-Carlo mitgeschnitten wurden. Und da das Ensemble um Pit Therre schon seit über drei Jahrzehnten genau weiß, wie es unter der Schädeldecke Kagels tickt, ist diese "Acustica"-Genese vorerst die wohl authentischste. Aber was heißt andererseits bei Kagel schon authentisch…

Guido Fischer, 26.09.2008



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