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Jean-Philippe Rameau, Claude Debussy, Maurice Ravel, César Franck

French Album

Nikolai Tokarev

Sony BMG 88697 34145-2
(57 Min., 5/2008) 1 CD

Als Nikolai Tokarev im letzten Jahr sein Debütalbum vorlegte, war es schlicht mit "Nr. 1” übertitelt. Mittlerweile ist der 24-jährige Tokarev aber drauf und dran, in seiner Altersklasse selbst zur Nummer 1 zu werden. Denn was Tokarev seitdem live an Schlachten geschlagen und sie gleich auch noch fulminant gewonnen hat, unterstreicht den Eindruck, dass es sich bei dem Russen auf keinen Fall um ein One-Hit-Wonder handelt. Seine technisch überragenden Möglichkeiten setzte er etwa bei Tschaikowskys 1. Klavierkonzert nicht kraftmeierisch ein, sondern ganz in den Dienst eines intellektuellen Reflexionsvermögens und einer bis ins Detail reichenden Lebendigkeit. Und selbst in Lizsts h-Moll-Sonate dachte er brillant und ohne verschwitztes Pathos über die Expansionskräfte eines einzigen Motivkerns nach. Leichte Kost hat sich Tokarev nun auch für seinen zweiten Studiobesuch nicht unbedingt ausgesucht. Denn allein schon bei Maurice Ravels "Gaspard de la nuit" haben viele seiner etwas reiferen Kollegen nicht nur manuell die Waffen strecken müssen.
Was die ins Bewusstsein katapultierte Vermittlung der harmonischen und rhythmischen Sprengkräfte der beiden Ecksätze "Ondine" und "Scarbo" angeht, ist Tokarev in seinem vollen Element. Und über welche Anschlagsfinessen er verfügt, um auch in die abgedunkelte Diskretion von "Le Gibet" durchzuzeichnen, ist freilich frappierend. Ähnliche, große Momente von solchen Plan-, Gesten- und Farbenspielen gelingen ihm in Ravels "Pavane pour une infante défunte" sowie in den beiden Debussy-Piècen "Première arabesque" und "Clair de lune" – wobei letzteres in seiner überirdischen Zartheit zu einem Chanson ohne Worte wird. Mit den beiden Eckprogrammpunkten seines Rezitals schlägt Tokarev den Bogen zurück ins Barockzeitalter und weiter nach vorne in die französische Romantik und schließlich klassische Moderne. Mit der Transkription von César Francks Orgelwerk "Prélude, fugue et variation" op. 18, kann Tokarev empfindsam über den hier aufgenommen Geist Bachs meditieren. Die "Gavotte et six doubles" des von Debussy hochverehrten Jean-Philippe Rameau entwickeln sich zu vital, innig und elegant durchschrittenen Miniarchitekturen, bei denen die Ornamentik als integratives Element und nicht nur als Äußerlichkeit begriffen wird. Bei Tokarev – so der Gesamteindruck – handelt es sich anscheinend um einen Enzyklopädisten ersten Ranges.

Guido Fischer, 03.10.2008



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