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Leopold Godowsky

Strauss-Transkriptionen und andere Walzer

Marc-André Hamelin

Hyperion/Codaex CDA 67626
(69 Min., 12/2007) 1 CD

Kein ganz einfach zu goutierendes Programm, überraschenderweise. Leopold Godowsky war nämlich nicht nur ein überaus begabter Klaviervirtuose, der im Dezember 1900 bei seinem Wiendebüt fast die ganze Stadt kopfstehen ließ. Nein, er war auch ein außergewöhnlicher Denker am Klavier, für den Virtuosität nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck war – zur möglichst prägnanten Umsetzung dessen nämlich, was er sich als Komponist und Bearbeiter an kontrapunktisch-vielschichtigen Raffinessen so ausgedacht hatte. Dies ist auch Godowskys Strauss-Metamorphosen anzumerken: Es handelt sich dabei nicht lediglich um brillant aufbereitete Walzerbearbeitungen, sondern um wahre Studien über die Vorlagestücke: Godowsky ergänzt nicht nur Strauss’ Orchestersatz um chromatische Mittelstimmen, flotte Überleitungen etc., sondern er spielt mit dem motivischen Material, indem er es melodisch in andere Richtungen laufen lässt, harmonisch neu beleuchtet und kontrapunktisch schichtet. Man könnte sich fragen, ob Godowskys – und hier liegt für manchen Hörer vielleicht das Problem der CD – Strauss nicht Gewalt antat, indem er seine schmissigen Walzerfolgen solch grüblerischen Bearbeitungsprozessen unterwarf – es gibt Passagen, in denen sich die Musik der Groteske nähert.
Versteht man solche Vorgänge – so wie es der Beihefttextautor tut – als wehmütigen Nachgesang auf das Habsburgerreich (mit einigem Recht und Augenzwinkern wird hierfür kurzerhand nicht der Beginn des Ersten Weltkrieges, sondern der Tod von Strauss im Jahre 1899 als Stichdatum angesetzt), dann mag man sie aus anderer Perspektive wohl schätzen lernen. Dennoch stellt sich gerade vor diesem Hintergrund die Frage, warum Hamelin sein Programm allein mit dem trotz aller Kunstfertigkeit mit der Zeit hier etwas monochromen Godowsky bestritt und nicht z. B. eine Klavierbearbeitung von einer anderen großen Walzerapotheose – Ravels "La Valse" – mit einspielte. Eine Kontrast schaffende Gegenüberstellung dieser Art hätte der CD deutlich mehr Kontur verliehen.

Michael Wersin, 03.10.2008



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