Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 1

Bamberger Symphoniker, Jonathan Nott

Tudor/Naxos TUD 7147
(55 Min., 2008) 1 CD, SACD

 

Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 4

Mojca Erdmann, Bamberger Symphoniker, Jonathan Nott

Tudor/Naxos TUD 7151
(55 Min., 2008) 1 CD

 

Es mahlert allerorten. Im gut halben Dutzend derzeitiger Neueinspielungen der Mahlersinfonien ragen diejenigen Jonathan Notts nicht nur heraus, seine bislang veröffentlichten Bamberger Kostproben zählen zu den gelungensten Mahlerexegesen, die derzeit überhaupt zu haben sind. Schon die "Natur"-Einleitung der Ersten formt der Engländer zu einem Wunder stimmgeweblicher Feinarbeit. Und wie der "Frühling" – um im problematischen, von Mahler später verworfenen Programmmusik-Genre zu bleiben - dann explodiert, wie das folgende Scherzo aufjauchzt und den Hörer mit Wiener-Walzer-Schmäh und Ländler-Schmankerln bezirzt, das ist schlicht umwerfend und zeugt von einem Mahlerverständnis, das genau dessen idiomatischen Tonfall trifft. Das gilt nicht minder für den Bruder-Jakob-Trauermarsch, dessen Depression Nott so sarkastisch zuspitzt, dass man kurz vor dem Freitod dann doch lieber das irdische Jammertal hochleben lässt. Aber auch für die subtilen Zwischentöne, insbesondere den Con-sordino-Trioteil mit seinem ständigen Changieren zwischen Moll-Seufzern und Dur-Augenzwinkern, hat Nott ein Ohr wie nur wenige Kollegen. Mit brutaler Schärfe wiederum springt einem der Finalsatz aufs Trommelfell – um die existenziellen Ängste dann in eine Apotheose zu verwandeln, die strahlender, mitreißender nicht sein könnte (und die Adorno umso mehr verurteilt hätte).
Apropos Schmankerl: In Mahlers Vierter geriert sich der Engländer als Vollblutwiener, der die doppelbödige Ironie auf den Punkt bringt. Das zeigen vor allem die abrupten Tempo- und Dynamikkontraste, die Nott seinen Bamberger Musikern offenbar mit Herzblut und hinreißender Akribie eingebläut hat. Sodass die ersten beiden, geradezu nach Videoclipmanier gebauten Sätze Stimmungswechsel parat halten, die dem Hörer alles, nur keine bequemen Gewissheiten bieten. Wenn dagegen im dritten Satz heiliger Ernst eintritt, dann berühren Notts arkadische G-Dur-Gesänge nicht minder wie die schmerzerfüllten Aufschreie – und erst recht der von geradezu aggressiven Paukenschlägen untermauerte E-Dur-Ausblick ins Paradies. Bekanntlich wird dieser Ernst – ausgerechnet! - im letzten: himmlischen Satz wieder gebrochen. Mojca Erdmann zeigt mustergültig, wie das zu verstehen ist: Mit ihrer Balance zwischen kindlich-heiterer bzw. -grausamer Unschuld einerseits und "weltwissendem" Hintersinn entlarvt sie diese sehr irdischen, himmlischen Projektionen. Und ihr "reines", helles, an Edith Mathis erinnerndes Soprantimbre rundet diesen Bamberger Mahler ab – zu einer Sternstunde. Bleibt nur die Frage, warum Ellen Kohlhaas‘ instruktiver Einführungstext mit einem abschließenden, anonymen Kommentar konterkariert wurde.

Christoph Braun, 17.10.2008




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