Johannes Brahms

Werke für Klavier

Yorck Kronenberg

Genuin/Codaex GEN 88123
(86 Min., 1/2008, 2/2008) 2 CDs

 

Johannes Brahms

Das Spätwerk für Klavier

Markus Groh

Avie/Musikwelt AV 2136
(79 Min., 5/2007) 1 CD

 

An jungen, talentierten Pianisten herrscht kein Mangel. Und häufig wird Brahms gewählt für die Debüt-CD oder die umrissschärfende Profilierung. In den letzten anderthalb Jahren war das gerne der junge Brahms, jetzt ist es gleich zweimal der alte: ungleich schwerer. Denn "abgeklärt" ist da nichts, auch wenn es mit sparsameren Mitteln tiefen Ausdruck schürft – die Intermezzi op. 117 und die Klavierstücke op. 118 bzw. 119 spielen beide, Kronenberg gibt noch die zwei Rhapsodien op. 79 zu, Groh die Fantasien op. 116. Hier enden die Gemeinsamkeiten aber nicht: Beide Pianisten sind nicht gerade Gefühlsdusel. Kronenberg spielt das alles sachlich, mitunter geradezu referierend, dann wieder sehr "getüftelt", während Markus Groh in durchweg rascheren Tempi (beim Intermezzo op. 118/6, einem ca. sechsminütigen Stück, beträgt der Zeitunterschied zwischen beiden Aufnahmen mehr als zwei Minuten!) auch eher nüchtern bleibt. Dann aber gabelt sich der Weg. Yorck Kronenberg geht eine relativ spannungsarme, atmosphärisch kaum behauchte Route, also letztlich am späten Brahms vorbei. Markus Groh spiegelt ihn zwar im Bildnis des Jünglings, mit langem Haar, noch ohne Bart – aber dennoch atmosphärestark, in den Proportionen exzellent austariert und den Details fein abgestuft. Wäre das ein Wettbewerb, würde man sagen: Groh auf Platz 2, Kronenberg auf 4; ein erster Platz wurde nicht vergeben.
Nehmen wir nur mal das zweite Intermezzo aus op. 118, eines der beliebtesten unter den späten Brahmsstücken. Kronenberg spielt hier vom Anschlag her durchaus schön die Noten, und er "gestaltet" sie auch – er gestaltet sogar zu viel! Er verliert den liedhaft schlichten Zug des Ganzen, die melancholische Grundstimmung zerfasert, die Klage am Rande des Ausbruchs versickert in mitunter sehr gesuchten Einzelaktionen. Markus Groh jedenfalls dient dem Stück viel organischer mit seinen 5:37 als Kronenberg mit seinen 7:20: Es bekommt eine Selbstverständlichkeit, die (im Gegensatz zur Kronenberg'schen Prätention) den Wesenskern der Musik sich selbst singen lässt – nicht sie "präsentiert". Dagegen wirkt bei Kronenberg die abschließende Rhapsodie aus op. 119, die nur scheinbar eine nordische Welt der Trolle evoziert, als wär' sie tatsächlich von Edvard Grieg, der sich an Brahms'schen Verarbeitungsfinessen versucht hätte. Groh gibt das Stück seinem rechtmäßigen Schöpfer zurück, und noch einmal züngelt in der Coda die verhaltene Flamme spezifisch Brahms'scher Virtuosität auf, in dieser letzten seiner Klavierkompositionen. Bei Kronenberg kommt das klobiger, schwerfälliger, und wer jetzt einwirft: "... also brahmsischer!", der hat den Komponisten nicht verstanden, gerade den späten nicht. Dass er selbst ein eher pedalseliger Klavierspieler war, tut nichts zur Sache; entscheidend ist, dass er in diesem Spätwerk seine Sehnsüchte und sein Scheitern in die kleinste der ihm bekannten Formen packt, sie nicht mehr in großen Sonaten oder Variationszyklen auslebt: Sie sind ein Substrat. Und dem dient Markus Grohs unprätentiöse Lesart weit besser als Kronenbergs Schwerstarbeit.

Thomas Rübenacker, 01.11.2008




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