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Franz Schubert

Messe Es-Dur D 950, Stabat Mater g-Moll D 175

Immortal Bach Ensemble, Leipziger Kammerorchester, Morten Schuldt-Jensen

Naxos 8.57 0381
(52 Min., 8/2006) 1 CD

Scheinbar eine Beiläufigkeit: Wie schon bei seinem umstürzlerischen Mozartrequiem kommt Morten Schuldt-Jensen auch bei Schuberts letzter, weitgehend chorisch konzipierter Messe nicht umhin, eine Zugabe einzuspielen. Warum? Weil die CD ansonsten nur 46 (das Mozartrequiem gar nur 41) Minuten dauern würde! Schon diese simple Zahl muss jeden vor Schuldt-Jensen warnen, der gerade bei den abgehangenen chorsinfonischen Schinken romantische Erbauung wünscht: Er müsste schmerzlich (oder befreiend!) erkennen, wie viel schwerfälliges Sentiment seine altvorderen Interpretenlieblinge, auch die namhaftesten, mitunter verbreiten – im Vergleich mit diesem kompromisslosen Dänen, der sieben Jahre lang am Gewandhaus Furore machte und nun mit seinen beiden Leipziger Eliteensembles den chorsinfonischen Plattenmarkt aufmischt.
Bei Schubert hat man das Wort „Abgrund“ schnell zur Hand. Dass es ausgerechnet auch und gerade auf die Es-Dur-Messe zutrifft – die doch sonst so versöhnend zum persönlichsten Glaubensbekenntnis des Sterbenskranken stilisiert wird – das macht Schuldt-Jensen zwingend deutlich. Bei ihm bebt das „Sanctus“ förmlich vor Gottesfurcht, die himmlische Herrlichkeit, die Schubert hier erschaut, lässt einen zutiefst erschaudern. Und wie harsch, ja schneidend-brutal das sündenschwere „Agnus Dei“ (wie auch das verwandte „Domine Deus“ im Gloria (!)) als nackte Existenzangst Christi am Kreuz verstanden wird: Das macht das chiastische, d. h. die Kreuzgestalt abbildende, Viertonmotiv fast physisch erfahrbar; und lässt die psychologische Verwandtschaft dieser Schubertschen Passion mit dem ebenfalls 1828 komponierten (und chiastisch konzipierten) „Doppelgänger“ höchst evident erscheinen – mit der markerschütternden Klage und Anklage: „... da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe und ringt die Hände vor Schmerzensgewalt.“ Bei Schuldt-Jensen mutiert denn auch das pulsierend drängende „Dona nobis pacem“ nur zum kurzen Hoffnungsschimmer, die Dur-Befreiung gar zum frenetischen Verzweiflungsakt, der in demütigem Verstummen endet. Überhaupt muss der Hörer eine Seelenlandschaft durchwandern, die schroffer, blockhaft-unversöhnlicher nicht gezeichnet sein könnte. Dabei stehen Schuldt-Jensen ideale Ensemble-Werkzeuge zur Verfügung: denkbar flexibel und hellhörig, geschmeidig-schlank in den Legatogesängen, atemberaubend schlagkräftig und punktgenau in den Fortissimoausbrüchen. Uns heutigen Kirchenmüden kann man Schuberts religiöses (Selbst-)Bekenntnis nicht aufwühlender, schonungsloser nahebringen. Die etwas dünn angegangenen solistischen Passagen ändern an der neuen Referenzeinspielung nichts.

Christoph Braun, 13.11.2008



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