Rolando Villazón ganz in die Alte Musik, falls die Stimme für Puccini doch nicht mehr so ganz reichen sollte? Ein nur bedingt empfehlenswertes Konzept: Zwar tut es den Lamenti von Cavalli und Monteverdi, die Villazón auf der vorliegenden CD zelebriert, ganz gut, wenn sie sängerisch mal mit etwas mehr Schmackes dargeboten werden. Aber Villazón verrät mit seiner Herangehensweise an die eine oder andere Kantilene doch auch, dass er mit der italienischen Vokalstilistik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts deutlich vertrauteren Umgang pflegt als mit derjenigen des 17. Jahrhunderts – und außerdem singt er immer wieder mal deutlich zu tief.
Emmanuelle Haïms "Mehr Dampf in alte Partituren"-Konzept, das immer wieder zu Recht gelobt werden durfte, geht denn auf dieser CD auch nur bedingt auf, denn sie greift verstärkt auf Vokalkräfte zurück, die nicht gerade den größten Teil ihrer Zeit mit Alter Musik verbringen. Und so vergreift sich auch Natalie Dessay hier und da ein wenig in den Ausdrucksmitteln, wenn sie Monteverdis "Lamento della ninfa" durchschmachtet, im Hintergrund unterstützt übrigens von einem Männerterzett (Lehtipuu, Wall, Purves), das auch nicht gerade täglich den Ensemblegesang zu pflegen scheint. Ein zumindest gemischter Eindruck herrscht also vor, wenn Emmanuelle Haïm diesmal kräftig ins Continuo-Instrumentarium greifen lässt, um Frühbarockes fern jeder Blutleere darzubieten: Sänger, auch intelligente, lassen sich eben nicht völlig reibungsfrei in jede Stilepoche verfrachten.

Michael Wersin, 13.11.2008



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