Repräsentative Huldigungsopern von Ludwig XIV. gehörten für Jean-Baptiste Lully zum täglich Brot. Doch nicht immer lief es – wie in "Roland" oder "Persée" – dabei nur auf ein Vivat auf den politischen Strategen und knallharten Kriegsherrn hinaus. Manchmal fand Lully den geeigneten Stoff direkt vor der Versailler Haustür, um den König von seiner menschlichen, Mätressen verschlingenden Seite zu zeigen. 1677 tat Lully dies mit seinem Librettisten Quinault und der Tragédie lyrique "Isis". Ein Jahr später erlebte dann mit "Psyché" ein Werk seine Uraufführung, in dem Liebesgott Amor (alias Louis) und die schöne Sterbliche "Psyché" alias Madame de Montespan so manche Standesunterschiede und Intrigen überwinden müssen, bis endlich die Trompeten ins Happy End einstimmen dürfen. Das hört sich nach klassischem Schema F à la Tragédie en musique an. Und Lully zieht auch bei seinen glänzend inszenierten Klangreden wieder alle gewohnten Register, um etwa gefährlich schnittige Furienwinde zu entfachen.
Doch obwohl "Psyché" ein streng durchkomponierter Fünfakter ist, steckt in ihm noch der vergnügliche Geist Molières, mit dem Lully Jahre zuvor das Grundgerüst erarbeitet hatte. Da klappern fidel die Kastagnetten beim Tanz der Mänaden, beschwört Bacchus den stärkenden "Saft der Traube", rascheln wild die Tambourine beim Auftritt der Policinellen. Das alles ist so frech und pfeffrig, wie man es etwa aus der Bühnenmusik zu "Le malade imaginaire" des genialen Duos Molière / Marc-Antoine Charpentier her kennt. Über was für eine leichte Hand der große Melodienerfinder Lully zudem auch noch verfügte, ist aber vielleicht zum ersten Mal so richtig in der Weltersteinspielung von "Psyché" zu erleben. Pastoral eingefärbte Arien blühen da zuhauf, treiben hüpfende Glocken schon mal den Sehnsuchtsgesängen die royale Würde aus. Und die berühmte "Plainte italienne" ist ein Lamento von herrlichster Cavalli-Güte. Wenn sich diese "Psyché" so präsentiert, haben die Solisten, Choristen und Instrumentalisten, aber auch die beiden Dirigenten Paul O’Dette und Stephen Stubbs alles richtig gemacht. Und selbst das begleitende, dreisprachige Booklet knüpft nahtlos an dieses Niveau an.

Guido Fischer, 05.12.2008



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