Dass Singen auch ein körperlicher Hochleistungsakt ist, steht wohl außer Frage. Was allerdings auf der dem Pressematerial zu dieser CD beiliegenden DVD mit drei Ausschnitten aus den Aufnahmesitzungen zu sehen ist, gibt bei aller Beweglichkeit und Fitness der Protagonistin doch auch Anlass zur Sorge, vermittelt zumindest kein reines Wohlbefinden – die Muskeln und Sehnen, die am Hals der französischen Sopranistin sichtbar werden, und die in exponierten Passagen stark angehobene Zungenwurzel zeugen von grenzwertig hoher Beanspruchung des Materials; wie lange kann die 1970 geborene Französin das wohl noch durchhalten? Vergleicht man ihre Leistung auf dieser CD etwa mit derjenigen, die sie im Jahre 2000 in Bernsteins Liederzyklus "La bonne cuisine" (Virgin Classics) zu erbringen in der Lage war, so muss man unumwunden konstatieren, dass ihre Stimme damals deutlich frischer klang und leichtgängiger funktionierte.
Nichtsdestotrotz verlangt Frau Petibon sich auf ihrem Debütrezital bei der Deutschen Grammophon (verständlicherweise) alles ab, was sie hervorzubringen vermag: bemerkenswerte Tiefe in der eröffnenden Arie aus Haydns "Il mondo della luna", extreme Höhe beispielsweise in Mozarts Konzertarie "Vorrei spiegarvi, oh Dio", ein Höchstmaß an Dramatik in "Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen" (Zauberflöte) oder in "Tiger! Wetze nur die Klauen" (Zaide). Wie gelingen zwischen solchen Powernummern jene stilleren Stücke, die mehr Feinheiten und eine differenzierte Pianopalette erfordern? Man muss zugeben: "Deh vieni, non tardar" aus Mozarts "Figaro" hat man schon zarter, silbriger, bezaubernder, ja beseelter gehört als auf dieser CD; ganz locker spricht Petibons Stimme im Piano nicht mehr an, und eine gewisse Mattigkeit ist nicht zu leugnen. Was soll man also sagen zu dieser in puncto Programm ausgesprochen interessanten, in puncto interpretatorisches Engagement aller Beteiligten vorbildlich musizierten CD? Eine gewisse Ratlosigkeit begleitet das Hörerlebnis: Hoffentlich kriegt Patricia Petibon gesangstechnisch noch die Kurve.

Michael Wersin, 27.12.2008



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