Nur an "die beste Tradition der Operette" wollte Kurt Weill 1934 anknüpfen. "Aber weit weg vom Operettenschund." Weill hat sich darum redlich, wenngleich unter dem Strich mit Einschränkungen erfolglos bemüht. Dabei war der Stoff, den er auf seiner Emigrantenroute von Paris über London bis in die USA im Gepäck hatte, gut gewählt. Eine schnittige Politsatire hatte ihm Librettist Robert Vambery geliefert, in der die Idylle einer zweigeteilten Karibikinsel von einem amerikanischen Waffenhändler durcheinandergeschüttelt wird. Plötzlich steht selbst die anberaumte Hochzeit zwischen Juan und Juanita vor dem Aus, weil ihre einzige Mitgift, eine in voller Milch und saftigem Fleisch stehende Kuh vom Präsidenten konfisziert wird, um über sie die Aufrüstung zu finanzieren. Bis der bevorstehende Krieg glücklicherweise doch noch abgewendet werden kann und sich alles in reinster Harmonie auflöst, wird Juan eingezogen, während Juanita sich im Rotlichtmilieu von Madame Odette verdingen muss. Dreimal nahm sich Weill in jenen Jahren dieser Story an, folgte auf die Pariser Version "Die Verlobung von Santa Maria" die 1935 in London als Musical uraufgeführte Fassung von "A Kingdom for a Cow". Nur die deutschsprachige Operette "Der Kuhhandel" lag bis weit nach Weills Tod unvollendet vor. Seine ehemalige Korrepetitorin Lys Simonette konnte 1978 jedoch ein Werk rekonstruieren, das trotz seiner Märsche und Tänze nur marginal an die knallig-unterhaltsame wie subversiv-nasendrehende Operettenkunst von Weills Vorbild Jacques Offenbach herankommt.
Den "echten" Moritatensound-Weill bekommt man somit auch in dem Livemitschnitt aus der Wiener Volksoper nur selten geboten. In der Inszenierung von David Pountney, die ihre Premiere 2004 bei den Bregenzer Festspielen hatte. Und weil bis heute Bananenrepubliken immer noch nicht von der Landkarte verschwunden sind, sondern oftmals vor der eigenen Haustür liegen, spannte Pountney als Beleg einen geografisch weiten Szenenbogen von Sommer-Sonne-Staaten bis zur Alpenrepublik und ihren Lederhosenträgern. Doch das wirkt genauso überspannt und unoriginell, wie die karikaturhaften Charakterzeichnungen etwa vom überdrehten Waffenhändler oder des tumben Präsidenten kaum zünden. In dieser Regie steckt einfach klamaukige Routine. Leider hat sich das Sängerensemble und das Orchester unter der Leitung von Christoph Eberle davon anstecken lassen. Sorgfältig geht man die Arien und so manchen Fandango an. Nur auf sprühende Vitalität wartet man vergeblich.

Guido Fischer, 27.12.2008



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