Responsive image

Rendez-vous (Paris-Benares-Mexico)

Erik Truffaz, u. a.

Blue Note/EMI 2436762
(111 Min., 1/2008-7/2008) 3 CDs

Wenn schon eine Doppel-CD im Jazz eher ungewöhnlich ist – was soll man dann erst von einem Album halten, dass auf drei Silberlinge verteilt werden muss? Aber bevor man den guten Erik Truffaz des Größenwahns bezichtigt, muss festgestellt werden: Nicht anders hätte man dieses Projekt realisieren dürfen. "Rendez-vous" dokumentiert die Auseinandersetzung des weit gereisten und umtriebigen Trompeters mit Musikern aus (mindestens) drei verschiedenen Kulturen. Jede CD ist der entsprechenden Stadt oder dem jeweiligen Land gewidmet.
Auf "Paris" hört man Truffaz’ Kollaboration mit Sly Johnson, einem Sängerunikum, das sich – wie Bobby McFerrin – selbst seine eigene Band ist. Wenn Johnson in "La mouche" anfängt, Platten-Scratches zu imitieren, darf man sich ruhig daran erinnert fühlen, dass sein Mitstreiter an der Trompete einst, nach dem 1998 erschienenen "The Dawn", als der europaweit führende Vermittler zwischen Hip-Hop und Jazz galt. "Benares", die zweite "Rendez-vous"-CD, zeigt, wie sich der ausgewiesene Fan der elektrischen Phase von Miles Davis weiterentwickelt hat. Neugierig hört Erik Truffaz nun auf die Klänge der Welt und offenbart im Zusammenspiel mit den Indern Indrani und Apurba Mukherjee (Gesang und Tabla) sowie dem hochsensiblen Pianisten Malcolm Braff seine lyrische Seite. "Mexiko" schließlich birgt dann das, was man wohl am ehesten von Truffaz erwartet hätte: Seine mal nach Miles, mal nach einer seltsamen Hirtenflöte klingende Trompete schwebt über Soundscapes, die der mexikanische Klangbastler Murcof zusammengestellt hat. Eigentlich führt die Abschluss-CD das Konzept von "Rendez-vous" jedoch völlig ins Absurde. Zum einen trafen sich Truffaz und Murcof nicht, sondern schickten sich ihre Files via Mail zu. Zum anderen hört man der Musik ihre Herkunft nicht mehr an – sie könnte auch in Berlin, Weilheim oder Köln entstanden sein. Die Ortlosigkeit der digitalen Moderne – vielleicht ist das ja auch so etwas wie die wahre Heimat des Musiknomaden Erik Truffaz.

Josef Engels, 05.01.2009



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top