Giovanni Battista Bononcini (1670-1747), aus Modena stammender Spross einer Musikerfamilie, bringt es gewöhnlich nur zur Fußnote in Händelbiografien: Er war als Konkurrent des sächsischen Wahl-Londoners zeitweise beim selben Opernunternehmen wie dieser beschäftigt. In seiner Oper "Astianatte" fand jener berühmte Zickenstreit auf offener Bühne statt, bei dem die Diven Bordoni und Cuzzoni eifersüchtig aufeinander losgingen; später geriet Bononcini dann in erheblichen Misskredit, weil er das Stück eines anderen Komponisten als sein eigenes ausgab – in London war er damit erledigt.
Solche Vorkommnisse verstellen den Blick auf die kompositorischen Fähigkeiten des Mannes; daher ist es sehr zu begrüßen, dass die Musiker des Ensembles Les Muffatti sich des Oratoriums "San Nicola di Bari" angenommen haben. Bononcini schuf dieses Werk über das Leben des Bischofs Nikolaus, genauer gesagt über dessen Jugendjahre, im Jahre 1693 in Rom, also mehr als ein Vierteljahrhundert vor seinen Londoner Missgeschicken. Und siehe da: Jeder Takt dieser wunderbaren Musik offenbart das souveräne Können Bononcinis, seine hervorragende Rezitativkunst ebenso wie seine Kreativität im abwechslungsreichen Vertonen der Arientexte. Die geglückte Interpretation des Stücks auf dieser CD tut ein Übriges; mit einem Höchstmaß an Kompetenz und Umsichtigkeit wurde die kaum bekannte Musik nicht nur detailgenau, sondern auch klangverliebt zum Leben erweckt. Sänger wie Instrumentalisten geben ihr Bestes (was bei diesen handverlesenen Künstlern eine Menge ist!), um Bononcinis Qualitäten voll zur Geltung zu bringen, und das Ergebnis darf als restlos überzeugend gelobt werden.

Michael Wersin, 05.01.2009



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Souvenir d’Italie: Wer bei russischer Kammermusik harmonisches Räucherwerk und schweren Samt erwartet und sich vorbereitend den Hemdkragen öffnen will, wird überrascht sein. Michail Glinka, der „Vater der russischen Musik“, war ein reisefreudiger Mann. Nachdem er seine stilbildende Oper „Ein Leben für den Zaren“ in St. Petersburg abgeliefert hatte, und weil es dort politisch so ungemütlich für Freigeister wie ihn wurde, begab er sich 1830 nach Italien und tauchte tief in die […] mehr »


Top