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Hector Berlioz

Symphonie fantastique, La mort de Cléopâtre

Susan Graham, Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

EMI Classics 216 2240
(76 Min., 5/2008) 1 CD

Seltsame Verkehrung der Verhältnisse, wenn die Zugabe zur Hauptgabe wird. In Berlin ist das "Kunststück" vor einem halben Jahr gelungen. Normalerweise genügt ja Berlioz‘ "fantastische Symphonie" als Einspiel- bzw. Kaufgrund einer CD – da gibt‘s bekanntlich genug musikpsychedelische Erlebnisse. Simon Rattle und Susan Graham aber haben die dramatische Kantate "La mort de Cléopâtre" beigegeben – glücklicherweise, denn sonst wäre die Platte schlicht überflüssig. Dabei beginnt Rattle den epochalen orchestralen Psychotrip, in dem Berlioz 1827 seine fatal-unerwiderte Liebe zur Shakespeare-Heroine Harriet Smithson in fünf Sätzen verarbeitet, durchaus vielversprechend, mit intimsten Pianissimi und bestechend klar und präzise ausgeleuchteten Episoden, die deutlich machen: Hier ist zweifellos die Berliner Edeltruppe am Werk.
Doch spätestens bei der "Ballszene", also im zweiten Satz, versiegt die Hoffnung auf eine mitreißende Fahrt in Berlioz‘ halluzinatorischer Hormonkutsche: So brav und korrekt und gar nicht "fantastisch" buchstabiert Rattle die Opiumerlebnisse des Franzosen, dass man eher die Flugbahnen der Hexen bei deren Sabbat berechnen möchte, anstatt sich von ihnen ums eigene Seelenheil bringen zu lassen. Gelangweilt, zudem auch noch von der Aufnahmequalität enttäuscht, steigt man vom Rattle‘schen Kutschbock und erinnert sich sehnsüchtig an die ungleich aufregenderen Fahrten mit Munch, Bernstein oder Gardiner. Mit Susan Grahams "Cléopâtre" kehrt das Wohlwollen des Hörers zurück. Wie der amerikanische Mezzostar der von Octavian besiegten und gedemütigten ägyptischen Königin in der Stunde ihres Freitods Würde zurückgibt, das hat Größe und Leidenschaft. Zumal sich auch Sir Simon und seine Philharmoniker hier endlich, wenn auch spät, entflammen lassen.

Christoph Braun, 16.01.2009



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