In dem Jahr, als Stockhausen weiter an seinen elektronischen Geräuschfluktuationen und Xenakis an radikalen Klangraumkonzepten arbeitete, ließ Hans Werner Henze einmal mehr keinen Zweifel daran, dass er mit diesen Neue-Musik-Speerspitzen nichts zu tun haben wollte. Und so komponierte er 1965 – quasi als widerspenstige Standortbestimmung – eine Buffo-Oper, bei der jeglicher Atonalität, jedem Hauch von sezierter Dodekafonie abgeschworen wurde. Henze setzte hingegen auf alles, was retrospektiv war und damit bei der Nachkriegsavantgarde auf dem Index stand. Simples C-Dur und einschmeichelnde Arien, ein Kanon à la Lortzing und Salonmusik, Zirkusrhythmen und Nummern im "Tempo di Minuetto". Und selbst der von Ingeborg Bachmann bearbeitete Stoff war das pure 19. Jahrhundert. Henzes Zweiakter "Der junge Lord" liegt eine Parabel von Wilhelm Hauff zugrunde, in der ein unnahbarer Fremder (hier: Sir Edgar) eine Kleinstadt in Aufruhr bringt. Mit seinem exotischen, weil schwarzen Personal. Und hinter einem von ihm unterrichteten Neffen (Lord Barrat) steckt ein leibhaftiger Affe, der die verbohrte Biedermeiergesellschaft schockieren und auseinanderfliegen lassen wird. In diesem somit nur vordergründig komischen Spiel aus Sein und Schein entwickelt Henze so einen Gradmesser von den dunklen Mächten innerhalb einer wohlsortierten Gemeinschaft, wie das von Vorurteilen und Xenophobie gespeiste Konfliktpotenzial eine aufschreckend zeitlose Gegenwärtigkeit beibehalten hat.
Und obwohl man der Partitur angesichts ihrer Entstehungszeit einen radikal konventionellen Zug attestieren muss, steckt in ihr dieser bedrohliche Unterton, der schon in jeder Mahler-Idylle tickte. Der Uraufführungsdirigent vom "Jungen Lord", Christoph von Dohnányi, besaß dafür die nötigen Antennen. Weshalb die 1968 im Studio und per Playbackverfahren abgefilmte Premiereninszenierung von Gustav Rudolf Sellner nichts von ihrer gleißend-changierenden Wirkung eingebüsst hat. Henzes Oper gehört zu den meistgespielten des 20. Jahrhunderts. Auf die leichte Schulter darf man sie aber, ganz im Gegensatz zu den Eklektizismen der Postmoderne, weiterhin nicht nehmen. Auch das verdeutlicht diese nur von ihrem Aufnahmedatum her historische Aufzeichnung.

Guido Fischer, 21.01.2009



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