Schon die Uraufführung am 24. Oktober 1737 in der Pariser Académie Royale de Musique wurde zu einem wahren Triumphzug für Monsieur Rameau. Und ungeachtet der musikästhetischen Widerstände blieb seine zweite Tragédie lyrique "Castor et Pollux" in aller Munde. Bei einer Wiederaufnahme 1772 war der Zuschauerandrang so groß, dass 15 Zuschauer ohnmächtig wurden und mehrere angeblich ihren Verletzungen erlagen. Welchen Ruf das Werk aber auch unter den komponierenden "Ramisten" genoss, unterstreicht eine geplante Neubearbeitung von "Castor et Pollux" durch gleich fünf Fachkräfte, darunter Gossec und Grétry. Dabei hatte Jean-Philippe Rameau bereits 1754 das Werk einer Revision unterzogen und damit die unerschütterlich endgültige Fassung erstellt.
Im Vergleich zur Version von 1737 wird jetzt keine politische Moral mehr verkündet, sondern der rein menschliche Liebeskonflikt zwischen den auf den ersten Blick ungleichen Halbbrüdern Castor und Pollux sowie dem Schwesternpaar Phébé und Télaïre verhandelt. Zudem komponierte Rameau den 1. Akt neu und verklammerte zu Beginn des 2. Aktes die Trauerchorszene "Que tout gémisse" über nur drei modulierende Basstöne mit Télaïres bekanntem Klagegesang "Tristes apprêts" zu einer musikalisch ergreifenden Einheit. Mit solchen kühnen Details hat Rameau diese Partitur genauso gespickt, wie sie seinen Instinkt für fein gebrochene Klangfarben und zupackende Tempowechsel exemplarisch widerspiegelt. Wer da mit der scheinbaren Kraft die Bilder konkurrieren will, hat schon verloren. Der Chefregisseur der Amsterdamer Oper, Pierre Audi, hielt sich daher bei der jüngsten Inszenierung von "Castor et Pollux" wohlweislich zurück. Vom Bühnenbildner Patrick Kinmoth ließ er sich einen von Streben durchfurchten, hangarähnlichen Riesenraum hinsetzen, durch den überdreht bewegungslustige Tänzer im abgekupferten Stile William Forsythes hindurchsausen (Choreographie: Amir Hosseinpour). Und die bloß mal rumstehenden, mal knienden Sänger in ihren schicken, neo-antikisierten Kostümen sind gleich zweifach ganz auf sich gestellt, weil auch aus dem Orchestergraben wenig Animierendes kommt. Mit seinen Talens Lyriques macht Dirigent Christophe Rousset mal wieder nach Quellenhandbuch alles richtig. Nur legt er mit seinen Sezierungskünsten keine das schmerzende Herz erwärmenden Feuerstellen aus. Neben der stimmlich immerhin ansprechenden, aber das Psychologische kaum konturierenden Leistung der beiden Titelhelden Finnur Bjarnason und Henk Neven können wenigstens Véronique Gens und Anna Maria Panzarella seelentiefengeschärft mehr als auftrumpfen. Und wenn Panzarella sich in "Tristes apprêts" hineintastet, begreift man, warum später auch ein Hector Berlioz dieser Arie gnadenlos verfallen sollte.

Guido Fischer, 13.02.2009



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