Rauf auf die Vergnügungsmeilen und hinein ins Getümmel. Wer nach Paris kommt, dem steht der Sinn schon mal nach einer Sünde. Das war schon im 19. Jahrhundert so, zu Zeiten Jacques Offenbachs. Und diesen Verlockungen gibt man sich auch im 21. Jahrhundert hin – selbst wenn alles nur noch reinstes Klischee ist und in den ehemaligen Amüsierbuden à la Lido und Moulin Rouge nur noch das nackte Grausen herrscht. Egal, hat sich Regisseur Laurent Pelly gedacht. Das Pariser Leben ist einfach nicht tot zu bekommen. Und so lässt er es im Schlusstableau noch mal so richtig funkeln und dampfen, steckt das Ensemble in einem einzigen Delirium. Für solche krachenden Partybilder ist Laurent Pelly selbstverständlich der richtige Mann. Wie er überhaupt in seiner jetzt neunten Offenbachinszenierung, in der Opéra-bouffe "La vie parisienne" unter Beweis stellt, dass man nicht das Regiehandwerk neu erfinden muss, um mehr als zwei Stunden ein durchaus ansprechendes Sittenbühnengemälde zu liefern.
In Pellys Pariser Welt reichen so nur wenige Anspielungen auf den florierenden Massentourismus, auf das alte und neue Stadtbild aus, um den Zeitbezug schnell festzuschnüren. Ansonsten vertraut Pelly in der Lyoner Oper jedoch allzu sehr auf mäßig zündende Gags und cooles Gehampel, ist in diesem Pariser Großstadttreiben irgendwie alles und auf Dauer nervend überdreht. Wird somit viel Spektakel um nichts gemacht, ist das Sängerensemble wenigstens stimmlich wie schauspielerisch mit Engagement bei der Sache. Besonders Laurent Naouri, der in der Rolle des Baron de Gondremark als halbglatziger, lüsterner Vati eine doch eher trostlos traurige Gestalt bietet. Mit dem nuancenreichen, damit Offenbachs revolutionäre Taten herausstellenden Klangbild von Pellys langjährigem Wegbegleiter Marc Minkowski sollte man hingegen das Dirigat von Sébastien Rouland nicht vergleichen – zumal hier vieles wie ein Soufflé schnell zusammenfällt.

Guido Fischer, 20.02.2009



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