So lange ist es noch nicht her, als selbst prominente Sänger bei Neuer Musik hysterisch abwinkten. Damit würde man sich doch nur die Stimmbänder auf ewig vergiften und verrenken. Die nachfolgende Generation sieht das hingegen wesentlich entspannter. Und mit Bariton Georg Nigl gibt es zudem den Idealtypus von Allrounder, der alle musikalischen Sprachen vom frühen 17. bis zum 21. Jahrhundert mehr als nur beherrscht. Da hat er in den letzten Jahren immer wieder an Körper und Geist zehrende Titelpartien in zeitgenössischen Opern übernommen (u. a. in "Faustus, The Last Night" von Pascal Dusapin). Und jetzt kommt er mit einem Barockrecital um die Ecke, bei dem man nicht weiß, was man bei Nigl mehr bewundern soll: Ist es sein Schmelz bei gleichbleibend prägnanter Diktion? Oder vielleicht doch diese mirakulöse Stimmfärbung, die im Piano Substanz besitzt und selbst im Sopranregister nicht bröselig wird? Fast müsste man annehmen, dass es noch ein zweiten Georg Nigl gibt. So beglückend bewegt er sich jetzt in jenen Welten, in denen Maestri wie Purcell, Monteverdi und Caccini den Menschen und Göttern den Puls gefühlt haben. Als sich das Herz im Ausnahmezustand befand, weil die Liebe mal wieder eine Leidensmiene trug.
Mit den beiden Alte-Musik-Größen Luca Pianca (Laute, Barockgitarre) und dem Gambisten Vittorio Ghielmi baut Nigl so mit labsalhaftem Legatissimo bis zum zitternden Effekt einen Spannungsbogen auf, der alles miteinander vereint. Die traumhafte Introversion und den heftigen Affekt, das drohende Schicksal und die nie versiegende Sehnsucht. Und wenn Georg Nigl mit Monteverdis betörendem Lamento "Si dolce è il tormento" gen Himmel entschwebt, um zu guter Letzt bei Henry Purcells "Man Is for the Woman Made" den festen Boden unter den Füssen ausgelassen zu genießen, drängt sich durchaus eine zweite Vermutung auf: Orpheus muss vielleicht doch wohl ein Bariton gewesen sein.

Guido Fischer, 05.03.2009



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