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Johann Sebastian Bach

Messe h-Moll

Les Musiciens du Louvre Grenoble, Marc Minkowski

naïve/Indigo 927942
(101 Min., 7/2008) 2 CDs

Sie gerät nicht richtig in Fluss, diese h-Moll-Messe, die Marc Minkowski an den Anfang eines geplanten größeren Bach-Zyklus unter seiner Leitung stellt; der Funke springt nicht über – woran liegt das? Nicht am Besetzungskonzept: Eine solistische Vokalbesetzung mit je einem gelegentlich hinzutretenden Ripienisten pro Stimme ist nicht ganz neu und hat schon funktioniert, z. B. Mitte der Achtzigerjahre bei Andrew Parrotts großartiger Einspielung (Virgin Classics; Christian Immler, hier erster Bass, war damals als Alt-Knabe dabei – was für ein Gefühl muss das sein!). Es scheint eher die Wahl der Tempi zu sein (warum ist der "Gloria"-Beginn so verhetzt, warum klebt danach die "Et-in-terra-pax"-Fuge so?), ferner die Artikulation (oft ist die Linienführung in den einzelnen Stimmen träge verschmiert, hat keine klaren Konturen), sodann der immer wieder einmal auftretende Mangel an Kongruenz zwischen Vokalisten und Instrumentalisten. Man ziehe Sigiswald Kuijkens in diesen Tagen erscheinende Neuaufnahme des Stücks (Challenge) zum Vergleich heran: Bei ihm leuchtet und glitzert der Vokalsatz auch an den polyfon komplexesten Stellen, obwohl Kuijken keineswegs überartikuliert, sondern tendenziell auch eher einem gebundeneren, größere Bögen ins Auge fassenden Ideal huldigt.
Es ist wohl das sensible, aufmerksame Miteinander aller beteiligten Kräfte, das dort (bei Kuijken) im Überfluss vorhanden ist, hier (bei Minkowski) aber immer wieder fehlt. Der erwähnte "Gloria"-Beginn ist durch harsches Non-Legato zerhackt, ohne dadurch an Transparenz zu gewinnen, denn die einzelnen Stimmen gliedern sich nicht in ein organisches Gefüge ein. Und die Arien und Duette? Im "Domine Deus" (mit Joanne Lunn und Markus Brutscher) wackelt öfters das Tempo, im "Quoniam" (Luca Tittoto) mulmt und tremoliert es einförmig in der Gesangsstimme – man höre David Thomas unter Parrott vor mehr als 20 Jahren, als die historisierende Praxis noch in den Kinderschuhen steckte! Nein, es gibt einfach schon ein paar sehr gute (wenngleich vielleicht keine durchgehend perfekte) Einspielungen der h-Moll-Messe – vor diesem Hintergrund ist Minkowskis für sich genommen sicher solide Leistung einfach nicht geschlossen genug.

Michael Wersin, 19.03.2009



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