Georg Friedrich Händel

La Diva – Arien

Simone Kermes, Lautten Compagney, Wolfgang Katschner

Berlin Classics/Edel 0016422BC
(70 Min., 8/2008) 1 CD

 

Georg Friedrich Händel

Alcina – Arien & Suiten

Christine Schäfer, Berliner Barock Solisten, Rainer Kussmaul

Avi/AL!VE 8553143
(74 Min., 10/2008) 1 CD

 

Händel und seine männlichen Sängerstars – das ist ein faszinierendes Kapitel, mit dem man sich auch im Aufnahmestudio ausführlich beschäftigt hat. Nach Carestini (mit der Mezzosopranistin Vesselina Kasarova) und Senesino (mit Countertenor Andreas Scholl) porträtiert aber jetzt die Sopranistin Simone Kermes nicht einen weiteren Kastratenheroen. Das mit "La Diva" betitelte Album ist der italienischen Stimmkollegin Francesca Cuzzoni-Sandoni gewidmet, für die seinerzeit keine Gage zu hoch gewesen ist. Nach London gelockt, entwickelte sich nach einer ersten kleinen Unstimmigkeit zwischen ihr und Händel von 1723 bis 1728 eine fruchtbare Zusammenarbeit. Cuzzoni-Sandoni sang die Glanzrollen in "Giulio Cesare", "Tamerlano" und "Siroe", zudem kamen Titelpartien wie die "Rodelinda" hinzu. Die dabei musikalisch angeschlagene Bandbreite, die von pastoralem Zauber bis zur tollen Furie reichte, wurde jetzt immerhin exemplarisch nachgestellt. Wenngleich unbedingt auch die Arie "False imagine" aus "Ottone" dazugehört hätte. Immerhin hatte Cuzzoni-Sandoni nicht nur während der Proben Händel zur Weißglut gebracht, als sie sich zunächst weigerte, diese Arie zu singen. Mit ihr katapultierte sich La Diva endgültig auf den Londoner Opernolymp.
In ihre Rolle ist also nun Simone Kermes geschlüpft, die sich auf dem CD-Cover mit einem grell geschminkten Porzellanpuppengesicht zeigt. So blutleer geht es bei den insgesamt 14 Arien (darunter zwei Weltersteinspielungen) glücklicherweise nicht zu, sorgt schon die kompetente Lautten Compagney Berlin für ausreichend wohlige Körpertemperatur. Und auch die barockaffine Kermes kann so manche empfindsame Glanzpunkte setzen. Vor innerer Schönheit wie gerade bei Andreas Scholl leuchtet aber kaum etwas. Was vor allem der stimmlichen Disposition geschuldet ist: Immer wieder schlägt Kermes' lyrisches Potenzial in Körnigkeit um, kann sie oftmals nicht sauber einschwingen, geschweige – wie im Lamento "Morte vieni" – aus dem Stand heraus auf allerhöchste Tongipfel springen. Und auch ihre Koloraturen ("Amante stravagante") kommen brillant, aber allzu mechanistisch daher. Trotz aller Einwände entpuppt sich Kermes´ Händelaufnahme aber plötzlich doch als großer Wurf – wenn man daraufhin miterleben muss, wie die Sopranistin Christine Schäfer sich an der Magierin Alcina versucht. In dem mit instrumentalen Sätzen gespickten Querschnitt von Händels gleichnamiger Oper stimmt so rein gar nichts. Angesichts unpräziser Koloraturen, unangenehmer Höhen, bemühter Lagenwechsel und einer mal blassen, mal wie aufgesetzt wirkenden Ausdruckskraft. Retten können all das auch die beherzt zupackenden Berliner Barock Solisten nicht.

Guido Fischer, 19.03.2009




Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top