Am 15. Januar 1732 eröffnete Georg Friedrich Händel mit einem weiteren Feldherrendrama die neue Spielzeit am King's Theatre. Und obwohl er für die Titelpartie des Generals Ezio das Zugpferd Senesino verpflichtet hatte, kam es doch anders, als allgemein erwartet. Nicht, dass Händel sich mit seinen musikalischen Charakterisierungskünsten zurückgehalten hätte. Doch die Resonanz war äußerst zurückhaltend. Und die Kastratendiva Senesino war fortan leicht verschnupft darüber, dass Händel nicht ihm, sondern dem Bassisten Antonio Montagnana die große, ariose Schlussrunde zugedacht hatte. Seitdem ist "Ezio" nahezu ganz von der Bildfläche verschwunden und selbst in den einschlägigen Händelbiografien ist die Oper kaum mehr als eine Randnotiz wert. Und auch vom CD-Markt wurde "Ezio" mehr als stiefmütterlich behandelt. So war es also an Barockaltmeister Alan Curtis, diese Händelrarität aus dem Dornröschenschlaf wachzuküssen.
Dass Curtis nicht einer dieser Feuerköpfe ist, die sich mit offenem Visier in die Opernpartituren von Vivaldi und Händel werfen, hat er mehrfach gezeigt. Dieser oftmals untertourige Zugriff kommt aber jetzt der Gesamtaufnahme zugute. Denn "Ezio" ist im Vergleich etwa zu dem pracht- und effektvolleren "Giulio Cesare" eine mehr erzählerische Auseinandersetzung mit Intrigen, Verrat und Eifersüchteleien, die das politische Tagesgeschäft im 5. Jahrhundert beim römischen Kaiser Valentiniano bestimmten. Curtis hat hierfür nebst dem verlässlichen, das Schwungvolle nie überdrehenden Ensemble Il Complesso Barocco wieder auf vertraute, junge Kräfte zurückgegriffen. Wobei sich hier und da doch auch Ungleichgewichte einstellen: Besonders auffällig ist die Kluft zwischen den beiden Mezzosopranistinnen Ann Hallenberg und Sonia Prina. Während Hallenberg als Ezio mit kontrollierter Virtuosität und einem satten, einnehmend dunklen Timbre überzeugt, scheint Sonia Prina als Valentiniano einen unangenehmen Vibratofrosch verschluckt zu haben. Mit Karina Gauvin als eine von Liebe und Verzweiflung durchgeschüttelte Patriziertochter Fulvia bekommt die Tragödie die auch notwendig betörende Würde zurück – bevor Bass Vito Priante als Ezios Freund Varo schließlich in der letzten, großen Schlussarie "Già risonar d'intorno" es locker mit den Pauken und Trompeten aufnehmen kann.

Guido Fischer, 17.04.2009



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