Die Geschichte von Alfonso und Estrella geht zwar gut aus, trotzdem spielt sich zwischen den Partiturdeckeln von Franz Schuberts ehrgeizigster Oper eine schlimme Tragödie ab. Selten hat ein Komponist nämlich eine derartige Fülle an einzigartigen melodischen und harmonischen Eingebungen so verschenkt wie es der Komponist in diesem 1822 vollendeten und von mehreren Opernhäusern zu Recht abgelehnten Werk tat. Die schablonenhafte Märchengeschichte um Alfonso und Estrella, die trotz der Feindschaft ihrer Väter zueinander finden, geht zwar auf das Konto des unerfahrenen Librettisten Franz von Schober – dass die Hauptfiguren aber an den Höhepunkten der vielen dramatischen Ensembles und Chorszenen regelmäßig in eine vorhersehbare Folge von gefälligen Viertaktern fallen, ist allein Schuberts Schuld. Dass diese Produktion zum Jubiläumsjahr 1997 erstklassig besetzt ist, macht die dramaturgischen Schwächen nur umso deutlicher sichtbar. Denn was nützt es, dass Harnoncourt schon in der Ouvertüre seelische Abgründe und innere wie äußere Stürme schildert, wenn Schubert dieses Material in der Oper nicht entwickelt, sondern ein Versatzstück nach dem anderen auf die Bühne schiebt?
Da hilft es auch nichts, dass insbesondere Olaf Bär und Thomas Hampson als verfeindete Väter sowie Luba Orgonásová und Endrik Wottrich als Titelpaar dramatische Präsenz mit der Fähigkeit zu liedhaft genauer Textgestaltung verbinden. Vielleicht hätte Jürgen Flimm das Stück retten können, wenn er die kindische Handlung als Fantasie zweier Spätpubertierender begriffen hätte, die sich langsam aus der Abhängigkeit ihrer Eltern befreien. Dass er stattdessen Soldaten in modernen Kampfmonturen in die Biedermeierwelt einmarschieren lässt, heißt definitiv zu starkes Geschütz für den schwachen Konflikt aufzufahren.

Carsten Niemann, 24.04.2009



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