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Béla Bartók, Robert Schumann, Fritz Kreisler

The Berlin Recital – Werke für Violine und Klavier

Gidon Kremer, Martha Argerich

EMI 693 399-2
(116 Min., 7/2006) 2 CDs

Blättert man sich in Gedanken durch die Musikgeschichte, dann finden sich unzählige Beispiele für die These, d-Moll sei womöglich die zweite Schicksalstonart nach c-Moll. Man muss nur an Mozarts "Don Giovanni" denken, oder an sein Klavierkonzert KV 466, an Beethovens so benannte "Sturmsonate", seine Neunte, oder auch an einige Werke von Johannes Brahms, die in diese Tonart hineingewebt sind. D-Moll, das ist immer Drama und Melancholie in einem; um sich dessen zu vergewissern, genügt es, Brahms' Sonate für Violine und Klavier anzuhören. Oder auch Schumanns Werk derselben Gattung, ebenfalls eine späte Schöpfung. Der ganze Schumann scheint in dieser d-Moll-Sonate op. 121 enthalten; das jugendliche Aufbegehren ebenso wie der trübe Mut des sich aus der Welt verabschiedenden Künstlers, (revolutionäre) Hoffnung wie völlige Lebensniedergeschlagenheit. All dies beglaubigt unter ein Dach zu bringen, gelingt nur wenigen großen Künstlern. Martha Argerich und Gidon Kremer gelingt es grandios.
Der Livemitschnitt eines Duoabends in der Berliner Philharmonie aus dem Jahr 2006 liegt nun vor. Und es ist schlicht beglückend, wie nah der Hörer wieder am Geschehen ist, wie sehr ihn die beiden Magischen hineinsaugen in die dualistische Seinssphäre. Das Faszinierende daran ist, dass Argerich und Kremer gleich drei sind: Florestan, Eusebius und Meister Raro. Sie sind These, Antithese, Synthese. Leidenschaftlicher Ausbruch und beinahe philosophische Besänftigung stehen unvermittelt (und doch von oben betrachtet) nebeneinander. Bestechend, die Spontaneität ihres perfekt austarierten Spiels, die aber in jedem Moment in Abgeklärtheit umschlagen kann; man darf sich nie sicher sein. Auch bei Bartók nicht, dessen erste Sonate für Violine und Klavier zwischen schrundigen und poetischen Klängen ihren Weg hindurch sucht und den Hörer auf eine spannende, von Klippen und Abgründen gesäumte Reise mitnimmt. Grandios schließlich auch die Solosonate Bartóks. Kremer leuchtet sie in all ihren Extremen aus, verfolgt das Stück noch in den umdüstertsten Winkel, dort wo keine Schönheit wohnt. Ein Existenzdrama, dem man nur entfliehen kann, weil am Ende der Aufnahme zwei Stücke von Fritz Kreisler stehen. Die Welt, sie hat uns wieder. Liebevoll und zärtlich umfängt sie uns.

Jürgen Otten, 12.06.2009



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