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Olivier Messiaen

Saint François d'Assise

Rod Gilfry, Camilla Tilling, u. a., Orchester Den Haag, Chor der Niederländischen Oper, Ingo Metzmacher

Opus Arte/Naxos OA1007D
(275 Min., 5 u. 6/2008) 3 DVDs

An Pierre Audi, dem wohl konservativsten Vertreter des Regietheaters, brauchen sich die Geister nicht zu scheiden. Er versteht sein Handwerk, haushaltet mit seinen Ideen, die ohne die ganz große Vision und erst recht ohne eine Portion Provokation auskommen. Und vielleicht war er deshalb auch 2008 der ideale Mann fürs Regiepult, als an der Amsterdamer Oper ein wahrer Glaubenskoloss neu inszeniert wurde, den der Komponist selbst als szenisches Oratorium betrachtete. Über vier Stunden dauert Olivier Messiaens Alterswerk und Opus Summum, der 1983 in Paris uraufgeführte Dreiakter über das Leben und die Verklärung des Saint François d'Assise. Und der strengkatholische Messiaen musste diesem Vogelprediger schon deswegen verfallen, weil für den begeisterten Ornithologen die gefiederten Freunde überhaupt die Botschafter des musikalischen Glaubens verkörperten. Dementsprechend prallgefüllt ist die Partitur mit Vogelstimmen aller Arten und Nationen, von der Mönchsgrasmücke bis zum Weißachselnonnensteinschmätzer.
Zudem bilden fein gesponnene Rhythmen ostasiatischer Kulturen, sinnliche Melodik und surreale, aus den elektronischen Ondes Martenot herausgespuckte Tonschleifen einen Klangreichtum, der die Geschichte vom heiligen Franziskus, vom beengenden Klosterleben und der glückseligen Begegnung mit einem Engel nahezu wie von selbst erzählt. Ein szenisches Kontrastprogramm gar mit aktuellen Brückenschlägen braucht dieses Stück nicht. An diese notwendige Zurückhaltung hat sich Pierre Audi klugerweise gehalten. Wenngleich er es sich in der berühmten Vogelpredigt nicht nehmen ließ, eine malende Schar Kinder als irdische Personifizierung der fliegenden Himmelsstürmer zu interpretieren. In einem riesigen Raum, der mit seinen turmhohen Gerüsten eher an eine Fabrikhalle erinnert, hat Audi das riesige Orchester als gleichberechtigten Partner zu den Sängern auf die Bühne gesetzt. Bis auf die obligatorischen Holzkreuze und Baumgerippe haben die Solisten in ihren komisch-bizarren Designer-Fellkutten dementsprechend genügend Ruhepunkte, auf denen sie sich meditierend, flehend und anrufend niederlassen können. Gerade die beiden Protagonisten, Rod Gilfry in der Titelpartie und Camilla Tilling als Engel, machen dies mit fesselnder Spannung und lyrischem Sonderglanz. Der eigentliche Star der mitgeschnittenen Abende war hingegen Dirigent Ingo Metzmacher, der das gewaltige Partiturpaket konzentriert aufschnürte, um den schillernden und süffigen, den komplexesten und ekstatischsten Farben und Formen den letzten Schliff zu geben.

Guido Fischer, 19.06.2009



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