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Johannes Brahms

Violinsonaten

Renaud Capuçon, Nicholas Angelich

Virgin/EMI 545 731-2
(179 Min., 5/2005)

Wie vertraut sind sie in ihrer Schönheit und Klarheit, die melodischen Linien der Violinsonaten von Johannes Brahms - und wie schwer ist es dennoch (oder gerade deshalb), sie organisch und in sich schlüssig zu gestalten. Von solchen Problemen zeugt in der vorliegenden Neuaufnahme z. B. der Beginn des ersten Satzes der G-Dur-Sonate: Zögerlich, fast ein wenig unsicher beginnt Renaud Capuçon hier, seine Phrasen über den Akkorden der Klavierbegleitung auszuspannen; einmal scheint ein Anschluss klangfarblich nicht ganz zu stimmen, einmal verwackelt ein Schlusston in zu sattem Vibrato. Die Schwierigkeit des Anfangens: Hier vermengen sich möglicherweise interpretatorische Attitüde und tatsächliche Skrupel. Wie souverän, wie dezidiert begann diesen Satz dagegen einst Henryk Szeryng in seiner Aufnahme mit Arthur Rubinstein (RCA/BMG)! Hier offenbart sich eine grundsätzlich andere Art des Zugreifens auf diese großartige Musik von Johannes Brahms, deren Stilistik man sowohl unter dem Gesichtspunkt nachromantischer Leidenschaftlichkeit als auch aus der Perspektive ihrer unbestechlich konsequenten, strengen Durchstrukturiertheit (Stichwort "entwickelnde Variation") betrachten und zur Ausführung bringen kann - nur allzu große Zurückhaltung verträgt diese Tonsprache nicht. Daher ist es begrüßenswert, das Capuçon sich gemeinsam mit seinem Begleiter Nicholas Angelich spätestens mit den großen Bögen des zweiten Themas im ersten Satz der G-Dur-Sonate wenigstens für eine Weile zu beherzterem, expressiverem Spiel entschließt. Allerdings wiederholt sich das Anfangs-Problem im zweiten Satz derselben Sonate: Müssen diesem emotional so ungeheuer beredten Klaviervorspiel tatsächlich derart fahle, teils unstete Violintöne antworten? Warum ringt sich Capuçon so lange nicht dazu durch, wirklich richtig mitzumachen? Bei allen Qualitäten in puncto Differenziertheit und detailliert-delikater Ausgestaltung, die diese Aufnahme, vor allem auch im Klavierpart, zweifellos vorweisen kann - insgesamt ist es doch eher ein Bio-Brahms geworden.

Michael Wersin, 01.10.2005



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