Responsive image
Michelangelo Rossi

La poesia cromatica

Huelgas Ensemble, Paul Van Nevel

DHM/Sony Music 88697 52709-2
(60 Min., 7/2008) 1 CD

Das Madrigal als Gattung hatte eine wichtige Funktion im Übergang von der Renaissance zum Barock: Es war die Spielwiese progressiver Komponisten, die hier nach Herzenslust satztechnische Regeln brachen und musikalische Skandale erzeugten, und sich dabei stets auf den Text und seine starken Affekte beriefen. Monteverdi machte mit Madrigalen Furore und erboste konservative Geister, Gesualdo trieb es noch ärger. Als Michelangelo Rossi (1601-1656) Madrigale komponierte, war diese Gattung eigentlich schon "out". Aber Rossi bewies mit seinen beiden Sammlungen, dass man in puncto Chromatik noch weiter gehen konnte als Gesualdo. Seine Stücke strotzen vor unerwarteten Wendungen, verbogenen Melodielinien, Querständen und weiteren Schockeffekten ähnlicher Art. Auch hier steht freilich die plastische Umsetzung der hochemotionalen Dichtung im Vordergrund, und der Hörer dieser CD hätte es noch leichter, wenn die Beiheftmacher nicht den Abdruck des italienischen Originals gespart hätten: Von ihm lesen wir immer nur die erste Zeile (quasi als Incipit), dann folgt nur noch die Übersetzung (Deutsch, Englisch und Französisch). Um aber die feinen Anspielungen und musikalischen Textausdeutungen verstehen zu können, ist das italienische Original unerlässlich. Paul Van Nevels Huelgas Ensemble geht die schwierige Aufgabe, solche Musik ebenso intonationsrein wie expressiv darzubieten, mit großer Souveränität an. Auf Madrigale spezialisierte Gruppen wie La Venexiana würden zweifellos hier und da noch etwas homogener agieren, noch mehr an einem Strang ziehen. Aber diese Interpretation ist qualifiziert genug, um dem Hörer einen Schauer nach dem anderen über den Rücken zu jagen.

Michael Wersin, 14.08.2009



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top