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Johannes Brahms

Das Frühe Klavierwerk, Teil 1 (Sonate Nr. 3 op. 5, Balladen op. 10)

Tilman Krämer

Venus Music/Codaex VEN 03111
(60 Min., 11/2005) 1 CD

Nicht nur die beiden Klavierkonzerte von Brahms, sondern auch die Musik für Klavier solo stellen streckenweise höchste Anforderungen an die Virtuosität des Interpreten: Das wissen wir spätestens seit Julius Katchens legendärer Gesamtaufnahme des Brahms’schen Soloklavierwerks (1962-65), denn Katchen präsentierte neben den beliebten Charakterstücken (Intermezzi, Balladen etc.), die auch im Klavierunterricht an Jugendmusikschulen immer gern zur Ausführung gebracht werden, u. a. auch die elektrisierenden, ungeheuer sperrigen und in jeder Hinsicht wahrhaft anspruchsvollen Klaviersonaten des Meisters. Ins Zentrum des Klavierrepertoires sind die Sonaten seither, warum auch immer, wahrlich nicht gerückt; immer wieder erfreut daher die Begegnung mit einer der raren Neuaufnahmen eines dieser Stücke. Tilman Krämer hat sich nun im ersten Teil seiner Einspielung der frühen Klavierwerke von Brahms u. a. dessen dritte Klaviersonate in f-Moll (op. 5) vorgenommen. Weniger exzessiv, nüchterner bzw. im Ansatz klassizistischer als dereinst Julius Katchen nähert sich Krämer dieser Musik; das Scherzo der Sonate etwa gerät dadurch deutlich glatter und kontrollierter. Bietet uns Krämer nicht den frühen Brahms eher durch die Brille des späten? Katchen lässt den jugendlichen Heißsporn und Virtuosen, noch durch und durch Romantiker, so wie er bei den Schumanns in Düsseldorf vorstellig wurde und sie zu faszinieren verstand, hörbar werden; er macht durch scharf akzentuiertes, hemmungslos leidenschaftliches Spiel und durch Rubati die Zerrissenheit dieser Musik zum Erlebnis. Tilman Krämer gibt sich dagegen abgeklärter, nimmt größere Distanz ein zumindest zu dieser Ebene der Musik. Ähnlich verhält es sich mit dem Kopfsatz der Sonate: Während Katchen die orchestrale Dimension des Stückes hörbar werden lässt, aufzeigt, wie Brahms fast verzweifelt um ein Mehr an Weite, Ausdruck und Aussagekraft ringt und dabei an die Grenzen der Möglichkeit des Klaviers gerät, fasst Krämer eher zusammen, versöhnt die disparaten Elemente des Satzes, zähmt das Streben ins Uferlose, das dieser Musik zueigen ist. Für sich genommen durchaus gelungen, verliert dieser Ansatz ein wenig, wenn man Katchens Ausnahmeleistung dagegenhält. Ein solcher Vergleich mag ungerecht sein, fährt er doch Krämer und seiner durchaus beachtlichen Leistung ein wenig "aus dem Hinterhalt" in die Parade; allerdings lässt sich Katchens einzigartige Interpretation, mag sie auch heute eher den Spezialisten ein Begriff sein, nicht wegdiskutieren.

Michael Wersin, 22.02.2007



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