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Tempelektrisch

Rainer Tempel

Jazz’n’Arts/Inakustik 0504409
(49 Min., 1/2008) 1 CD

Jetzt stellen wir uns nach dem Abhören der CD mal ganz dumm und fragen uns: Wer ist eigentlich Rainer Tempel? Ist es der Gitarrist, der gleich am Anfang der Aufnahme mit fein ziselierten Attacken aufhorchen lässt? Oder der Saxofonist, der im zweiten Stück "Obacht!" mit gewissermaßen ätzender Melancholie die Zeit anhält? Nein, es muss der Posaunist sein, der das Stück "Pink" mit kehligen multiphonischen Lauten gegen den Strich bürstet. Oder doch der Schlagzeuger, Trompeter, E-Bassist?
Intime Kenner von Großformation wie der NDR Big Band oder des Zurich Jazz Orchestra wissen: Rainer Tempel ist nichts von alledem – oder doch – als enorm begabter Komponist und Arrangeur – alles in einem. "Tempelektrisch", sein inzwischen sage und schreibe 14. Album, lebt aber auch von dem Mut Tempels, sich einem dunklen Kapitel seiner Jugend zu stellen. Mit 15 kaufte er sich ein ultrabilliges Keyboard. Und verfiel dem Jazzrock. Es ist nun mehr als erstaunlich, wie der gereifte Tonsetzer aus der Jugendsünde seltsamer Achzigerjahre-Sounds die Basis für wunderbare Septett-Stücke gemacht hat. Das Gesamtkonstrukt klingt selten elektrisch – sondern eher so warm, weich und menschlich, wie man es von Joe Zawinul selig gewohnt war.
Dass "Tempelelektrisch" nicht nur wegen der prächtigen Kompositionen so gut funktioniert, verdankt sich natürlich auch der eindrucksvollen Besetzung (um jetzt mal das Geheimnis des ersten Höreindrucks zu lüften): Mit dabei sind unter anderem Frank Möbus an der Gitarre, Nils Wogram an der Posaune, Christian Weidner am Alt-Sax und Jim Black am Schlagzeug. Da verzeiht man sogar, dass die sensibelste, balladenhafteste Nummer der CD ausgerechnet den Titel "VfB Stuttgart" trägt. Schwamm drüber. So elektrisierend kann Vergangenheitsbewältigung sein!

Josef Engels, 18.09.2009



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