Jetzt hat das Entdeckerfieber auch Renée Fleming gepackt: Statt sich auf die Handvoll wunschkonzertkompatibler Puccini-Superhits zu beschränken, unternimmt Amerikas Superdiva auf "Verismo" eine echte Erkundungsreise durch die italienische Opernszene um 1900. Das ist verdienstvoll, aber auch ziemlich gefährlich – denn die Arien und Szenen aus Leoncavallos "Zazá", Zandonais "Conchita", Cileas "Gloria" und Giordanos "Siberia" (um nur einige aus Flemings imposanter Fundliste zu nennen) sind vor allem durch die historischen Aufnahmen der großen Diven der Vorkriegszeit wie Claudia Muzio, Mafalda Favero und anderen bekannt. Die nennt Fleming in ihrem sympathischen Begleittext zwar auch als stilistische Referenzen, singt die Stücke dann aber doch ganz anders – nämlich vor allem schön. Was schnell ermüdet: Wo das Album eigentlich eine ganze Reihe unterschiedlicher Charaktere von der japanischen Kindfrau (Mascagnis "Iris") über die alpine Jungbäuerin (Catalanis "Wally") bis zur Revuetänzerin ("Zazá") präsentiert, bleibt sich Fleming allzu gleich – die kindlich-naive Farbe fehlt ihrem lyrischen Luxussopran ebenso wie die herberen Töne Wallys oder der lebhafte Charme der Bohème-Figuren Puccinis und Leoncavallos. Anders als die Diven der italienischen Tradition, denen die Verismo-Komponisten ihre Partien auf den Leib schrieben, ist Fleming schlichtweg zu viel Sängerin und zu wenig Schauspielerin. Das ist schade, denn einige Partien auf "Verismo" passen immerhin gut zu Flemings noblem Phlegma – etwa die reifere, abgeklärte Magda aus Puccinis Beinahe-Operette "La rondine", aus der zwei beschwingte Ensembles vertreten sind (das "Bevo al tuo fresco sorriso" mit einem Gastauftritt von Jonas Kaufmann). Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

Jörg Königsdorf, 18.09.2009



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