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Friedrich Gulda – The Early RIAS Recordings

Friedrich Gulda, RIAS Symphonieorchester Berlin, Igor Markewitsch

Audite/Edel 1021404ADT
(244 Min., 1950, 1953, 1959) 4 CDs

Von Friedrich Gulda ist die Forderung überliefert, dass ein klassischer Pianist sich doch bitte mehr mit dem Jazz beschäftigen solle. So wie er, der schon mit Mitte 20 den Sprung über den großen Teich wagte und gleich im New Yorker Birdland auftrat. 1959 längst wieder zurück im alten Europa, ging er ins Studio, um erneut mit Claude Debussy den von ihm wahrscheinlich am meisten geschätzten "ernsten" Komponisten des 20. Jahrhunderts einzuspielen: Auf dem Programm stand Debussys dreisätzige Suite. Doch wie Gulda allein am Ende des "Prélude" den Flügel in den Bässen satt schnurren ließ und winzige Blue-Note-Gesten andeutete, wurde schon damals zu einem dieser typischen, nicht für alle akzeptablen Fingerabdrücke des Stil-Wanderers Gulda. Aber Entwarnung! Sieht man einmal von den improvisatorischen Zügen ab, die überwiegend auch den Motor jener Kompositionen bilden, die Gulda in den Fünfzigerjahren für den RIAS Berlin einspielte, bewegt sich der Österreicher ansonsten streng entlang der Notenbilder.
Die jetzt erstmals veröffentlichten und vorbildlich in der Klangwaschstraße aufpolierten RIAS-Aufnahmen aus den Jahrgängen 1950, 1953 und 1959 liefern einen weiteren Hörbeleg, wie der Beethoveninterpret Gulda genau die Schnittstellen zwischen Beherrschtheit und Expression, zwischen unbedingter Werktreue und einer vor emotionaler Dichte fast explosive Musik beherrschte (Sonaten Nr. 28 und Nr. 30). Im Klavierkonzert c-Moll KV 491, das Gulda mit dem RIAS-Sinfonie-Orchester unter Igor Markevitch aufnahm, ist bereits die gesamte Mozartherrlichkeit und -selbstverständlichkeit mit Händen zu greifen, die Gulda Jahrzehnte später mit Abbado oder alleine präsentieren sollte. Und Chopins 24 Préludes haben bei ihm so rein gar nichts von der Fulminanz seiner späteren Schülerin Martha Argerich, sondern entwickeln sich bei ihm als Minidramen mit teilweiser Schockwirkung (besonders gilt das für das "Regentropfen"-Prélude). Wie gut, dass man nach solchen Gipfelleistungen wenigstens einmal wieder auf den Boden der Nüchternheit zurückgeholt wird. Denn Gulda und Prokofjews Effektgeladenheit in der Sonate Nr. 7 – das wollte dann doch irgendwie nicht zusammenpassen.

Guido Fischer, 25.09.2009



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