Der Vesuv am Golf von Neapel ist ein derzeit ruhender, keineswegs aber erloschener Vulkan: Im Abstand von einigen Jahrzehnten meldet er sich immer wieder einmal zu Wort, zuletzt im Jahre 1944. Die heiße Lava, die sich bei seinen Ausbrüchen in die Umgebung ergießt, gab der vorliegenden CD ihren Namen: Sind nicht auch die Opernarien der Neapolitanischen Schule wie ein glühender Lavastrom, der sich mal langsam, mal sehr schnell seinen Weg bahnt und dabei alles mitreißt, was sich ihm in den Weg stellt? Die beträchtliche Intensität, die diese Opernmusik aus den Federn Pergolesis, Porporas, Vincis, Leos oder Hasses zu entfalten vermochte, war schon in der Blütezeit dieser Opernschule – in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts – weithin berühmt, aber auch gefürchtet: Antonio Vivaldi etwa verharrte als nur bedingt erfolgreicher Opernkomponist ein Leben lang im Schatten der Neapolitaner, und selbst Händel im fernen London sollte die machtvolle Konkurrenz von Porpora schmerzhaft zu spüren bekommen.
Die voll entfaltete Vielschichtigkeit und der Detailreichtum der Orchestersätze, die aberwitzige Virtuosität der Kantilenen, die an der Wortmächtigkeit der Metastasio-Libretti sich entzündende Ausdruckskraft dieser Hochspannungsarien mit Eventcharakter – all dies vermag die vorliegende Aufnahme wahrhaft packend zu vermitteln. Dem hervorragend präparierten Orchester Le Musiche Nove fehlt es zu keiner Zeit an Energie, Präzision und Klangvielfalt, und Simone Kermes steht den Instrumentalisten in puncto Ausdrucksstärke nicht nach: Fetzige Koloraturen, herausgeschleuderte Spitzennoten, skandierte und gehauchte Brustregistertöne, lyrische Honigströme in langsamen Arien – die bedingungslose Hingabe der Sängerin an das Repertoire ist bewundernswert und ergreifend. Allerdings fehlt es ihr hier und da an technischem Finish: Unsauberkeiten und Fokussierungsprobleme trüben gelegentlich das Bild. Angesichts einer so rückhaltlosen Selbstauslieferung der Sängerin an die Musik mag diese Kritik kleinlich erscheinen. Aber eine Seria-Arie ist und bleibt ein Kunstprodukt, die künstlerische Umsetzung eines Affektes. Die restlose Beherrschung der Materie muss daher bei der Wiedergabe noch über dem Ausdruckswollen stehen.

Michael Wersin, 25.09.2009



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