Johann Sebastian Bach

Sechs Partiten

András Schiff

ECM/Universal 476 6991
(133 Min., 7/2007) 3 CDs

 

Johann Sebastian Bach

Partiten Nr. 1, 5, 6

Murray Perahia

Sony Classical 88697 44361-2
(69 Min., 4/2009) 1 CD

 

Natürlich gibt es weiterhin die musikhistorisch korrekten Aufführungspraktiker, die keinen Millimeter von ihrer Lehre abweichen. Für sie ist jede Partitur fest in ihren Entstehungsrahmen eingebunden, ist die Produktionsgeschichte eines Werkes gleichsam als ästhetisches Merkmal bei jeder Interpretation zu beachten. Für die Freigeister unter den Interpreten ist eine Cembalokomposition auf dem Klavier aber nicht nur spielbar: Gerade im Fall Johann Sebastian Bach lassen sich für sie die strukturbildenden Kernideen vieler seiner Werke unabhängig vom ursprünglich verwendeten Instrument erleben bzw. begreifen. Denn wer wie Bach besonders die symmetrischen Proportionen in seinen Werken bis hin zur hermetischen Polyfonie vorantrieb, der musste ein wahrer, unabhängiger und vor allem zeitlos aktueller Geistesarbeiter sein. Nicht zuletzt der kanadische Meisterpianist Glenn Gould löste mit diesem idealistischen Interpretationskonzept und seinem Bachspiel heftige Debatten im 20. Jahrhundert aus. Vor diesem Hintergrund sind auch die beiden Einspielungen von den Partiten Bachs zu sehen und zu hören, mit denen zwei Pianisten von Rang und Namen zeitgleich an die Öffentlichkeit gehen. Während András Schiff nach seiner ersten Beschäftigung vor 26 Jahren sich erneut mit dem Komplex BWV 825-830 auseinandersetzt, komplettiert Murray Perahia nun seine mit den Partiten Nr. 2-4 begonnene Gesamtaufnahme.
Zu Brüdern im Geiste werden Schiff und Perahia bereits abseits der musikalischen Durchdringung, die so rein gar nichts mit einem uhrwerk- und cembaloartigen Präzisionsspiel zu tun hat. Statt die Werke in ihrer 1731 veröffentlichten Reihenfolge einzuspielen und damit der musikhistorischen Faktenlage zu gehorchen, sehen beide jede Partita als ein in sich geschlossenes Gedankengebäude. Schiff hat so seinen ganz eigenen Weg durch Bachs Kosmologie gewählt, wenn er mit der entspannten G-Dur-Partita ansetzt. Perahia schlägt den Bogen von der durchaus verspielt-virtuosen Nr. 1 zu der verinnerlichten Rhetorik der Nr. 6. Und gerade in der eröffnenden Toccata nehmen Schiff und Perahia ein einziges Mal unterschiedliche Haltungen ein in zwei ansonsten sich aufs Haar genau gleichenden Bachbildern. Schiff und Perahia loten bis dahin die Tänze und Charakterstücke beredt und nobel, facettenreich und beschwingt sowie mit einer klaren Schwerelosigkeit und ernsthaften Tiefe aus. Geht Schiff diese Richtung konsequent in der Toccata weiter, wechselt Perahia in eine leicht pastellen wirkende Spiritualität, die er – wiederum im Gegensatz zu Schiff – schon bei seiner Einspielung von Bachs Goldberg-Variationen gewählt hatte. Kommt da Perahias Bewunderung von Bach einer Anbetung gleich, bleibt Schiff bei seiner Bachverehrung ganz bei sich.

Guido Fischer, 25.09.2009




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