Responsive image
Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 9

Bamberger Symphoniker, Jonathan Nott

Tudor/Naxos TUD7162
(83 Min., 9/2008) 2 CDs, SACD

Nach den ersten drei Einspielungen konnten die Erwartungen an Jonathan Notts neueste Mahlerexegese nur riesig sein. Dabei stellt sich zunächst Stirnrunzeln ein über die Tempoangabe: fast 30 Minuten für das eröffnende Andante!? Das hat noch nicht mal Bernstein geschafft (und wurde nur von Sinopoli in Dresden getoppt). Was wie belanglos äußeres Zahlenwerk anmutet, das könnte einem durchaus wie ein böses Omen für eine bröselig-langatmige Rezeptionshaltung vorkommen: Der morbide Mahler (der sich so tragikomisch-vergeblich vor dem Damoklesschwert der berüchtigten "Neunten" ducken wollte) – hier ist er schon ins Nirwana abgetaucht! Nicht so bei Jonathan Nott. Nicht einen Takt lang kommt bei ihm seufzende Erdenschwere oder triefende Todessehnsucht auf, im Gegenteil. Schon allein "technisch" fasziniert diese denkbar engmaschige Partiturdurchleuchtung und ihre konzentrierte, klangliche Umsetzung bis in die letzte Tutti-Stimme hinein. Auch wenn der Engländer die mitunter atonalen Totentanz-Skurrilitäten der beiden Mittelsätze nicht ganz so fratzenhaft-grell ausleuchtet wie Bernstein, so wird man doch ähnlich "existenziell" gepackt. Das liegt einmal an der im wahrsten Sinne umwerfend dynamischen Ausreizung, die im abschließenden Adagio gewalttätige Explosionen neben atemberaubend stillen Abgründen aufreißt. Vor allem aber muss man (erneut) von diesem in Bamberg kongenial getroffenen Mahler'schen "Tonfall" schwärmen, diesem Tänzeln am Höllenabgrund, diesem Lächeln über die ganze pompöse Tragik des Daseins – ein Lächeln, das beispielsweise in den kleinen Streicherglissandi manifest wird. So ertönt das letzte vollendete Mahleropus als überwältigender Abgesang – oder doch hier eher als Übergang, als Durchbruch zum Utopisch-Neuen? Nott ist einer der wenigen Mahlerexegeten, die solche Fragen immerhin stellen können.

Christoph Braun, 02.10.2009



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top