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Anton Bruckner, u. a.

Bruckner's Decision

Joachim Bauer, Sophie von Kessel, u. a., Jan Schmidt-Garre

Arthaus Musik/Naxos 101369
(80 Min., 1995) 1 DVD

Bruckner geht im Wald spazieren. Bruckner wird mit Wasser übergossen. Bruckner turnt. Immer wieder darf der Zuschauer minutenlang den Patientenalltag des großen österreichischen Sinfonikers in der Nervenheilanstalt Kreuzen beobachten, wo er 1867 nach einem Nervenzusammenbruch einige Monate verbrachte. Manchmal spielt er auch Klavier (was er in Kreuzen in Wirklichkeit die allermeiste Zeit gar nicht durfte), zum Beispiel Ausschnitte aus seinen Messen in e und in f. Sie werden überblendet mit schrecklich unsauberen und inhomogenen Aufnahmen dieser Stücke.
Bruckners Klinikaufenthalt wird in diesem Film hochstilisiert zur großen Entscheidungszeit in seinem Leben, das sich demnach in ein "Vorher" und ein "Nachher" unterteilen ließe: vorher der angepasste, tiefstapelnde Bruckner, der sich mit seinen musikalischen Ideen nicht heraustraut und sich immer noch als Dorfschullehrer ausgibt, obwohl er längst Linzer Domorganist ist. Nachher dann der große Sinfoniker und erfolgreiche Hochschullehrer. Teilweise mag das zutreffen, tatsächlich wagte er anschließend den Sprung nach Wien. Allerdings hatte er schon vor Kreuzen mehrere Sinfonien und die Messen in d und in e komponiert – Stücke, in denen sein Personalstil bereits mit großer Klarheit zum Vorschein gekommen war. Seine persönlichen Probleme blieben nach Kreuzen unvermindert bestehen: Er verstörte seine Umwelt weiterhin durch groteskes Verhalten oder peinliche Unterwürfigkeit, er verliebte sich weiter in Scharen von jungen, mädchenhaften Frauen und machte ihnen erfolglos Anträge (der Misserfolg bei Badeschwester Josephine in Kreuzen heilte ihn keineswegs von diesem Begehren) – und die belastende Zeit seiner beruflichen Misserfolge lag 1867 noch vor ihm. Und überhaupt: Über Bruckners Nervenleiden und seine Zeit in Kreuzen ist insgesamt nur sehr wenig Verlässliches bekannt – zu wenig, um daraus ein stilles Entscheidungsdrama zu konstruieren, wie Jan Schmidt-Garre dies hier tut. Da dieser Film zudem mit Fakten über Bruckners Musik geizt, wird der reale Hintergrund seiner Aussage – Bruckners Selbstfindung als Komponist – ohnehin nur für den Fachmann oder zumindest profund Vorgebildeten wirklich nachvollziehbar.

Michael Wersin, 10.10.2009



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