In Loving Memory Of America

Gilad Atzmon


Tiptoe/Edel 8888502TPT
(51 Min., 8/2008) 1 CD

Hätte Charlie Parker bei den als "Charlie Parker with Strings" zusammengefassten Sessions das Sagamos String Quartet an seiner Seite gehabt, wären sie nicht ganz so kitschig ausgefallen. Gilad Atzmon huldigt Parkers Einspielungen mit diesen vier Streichern, und die Arrangeure Ros Stephen und Jonathan Taylor setzen differenzierte Streicherklänge, die – obwohl sie ebenfalls wie Parkers Begleiter überwiegend Harmonien ausfüllen – dennoch stärker ins Gesamtgeschehen einbezogen sind. Indem Atzmon nicht nur auf dem Altsaxofon jubiliert, sondern auch die Klarinette einsetzt, weicht er ebenfalls vom Vorbild ab, von dem er feststellt, es habe ihn schlicht umgehauen. Charlie Parker kam – so wird berichtet – am 30. November 1949 ins Studio, um innerhalb kürzester Zeit seine Soli zu den ausgearbeiteten und fertig geprobten Streichersätzen zu spielen – was er mit Bravour bewältigte. Atzmons Streicher sind stärker in das mit Elektro- und Kontrabass, Schlagzeug, Flügel und Fender Rhodes ausgestattete Rhythmustrio eingebettet, und sie ziehen sich auch häufiger völlig zurück, wenn es die musikalische Dramaturgie erfordert. Dadurch entsteht bei den elf Titeln ein wesentlich intensiverer Eindruck. Andererseits verlässt Atzmon auch das Genre des swingenden Mainstream, indem er in "Call Me Stupid, Ungrateful, Vicious & Insatiable" Klezmer-Elemente einbezieht, in "What Is This Thing Called Love" auf die federnden Rhythmen des Hip-Hop zurückgreift, sich mit "Tutu Tango" in Astor Piazzollas Fußstapfen begibt oder mit "In Loving Memory of America" O-Ton-Samples einbezieht. Einst hätten ihn Charlie Parkers Melodien für Amerika begeistert, berichtet er im Booklet. Inzwischen sei Amerika für ihn nicht mehr das gelobte Land. Und so entstand das Album in Erinnerung an jenes Amerika, das er verehrt habe. Folgerichtig endet das Album mit einer arabische Elemente, Salsa, Calypso und weitere Spielarten der Weltmusik aufgreifenden "Refuge". Insofern erzählt Gilad Atzmon liebevoll von einer verlorenen Liebe.

Werner Stiefele, 30.10.2009


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Torquato Tassos Kreuzfahrerepos "Gerusalemme liberata" war im Italien des 18. Jahrhunderts so beliebt, wie den Deutschen ihre Ritter- und Heldensagen im 19. Jahrhundert. Die Gondolieri in Venedig konnten ganze Passagen auswendig rezitieren, berichtet Casanova, und auch in Rom, wo Tasso seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, kannte man die Figuren des Epos gut, darunter vor allem den hehren Kreuzritter Rinaldo und seine Gegenspielerin, die Zauberin Armida. Georg Friedrich Händel, als blutjunger Tausendsassa nach Rom gekommen, saugte den italienischen Stil ein wie Muttermilch und verschaffte sich mit den musikdramatischen Juwelen seiner frühen Kantaten schnell die Hochachtung des römischen Adels. 1707 wurde auf einem Jagdausflug seine "Armida abbandonata" aufgeführt, die in drei Arien und zwei Accompagnati vollendet das Porträt der soeben von Rinaldo verlassenen Zauberin und ihre Seelenstürme porträtiert. Und diese Leidenschaften hat sich auch das Berner Ensemble "Les Passions de l'ame" unter Meret Lüthi zum Namensgeber erwählt. In ihrer neuen Aufnahme betten sie Händels Kantate geschickt als Epizentrum in Francesco Geminianis Ballettmusik "La Foresta incantata" (Der Zauberwald) ein, die dieser dem Epos Torquato Tassos fünfzig Jahre später abgelauscht hatte.