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Gustav Mahler

Jugendlieder, Lieder eines fahrenden Gesellen, Fünf Rückert-Lieder, Urlicht

Christian Gerhaher, Gerold Huber

RCA/Sony 88697 56773-2
(76 Min., 1 u. 4/2009) 1 CD

Sind Mahlers Klavierlieder nur Vorstufen zum Sinfonischen? Ihre späteren Orchestrierungen wie auch Mahlers liedhafte Konzeption seiner Sinfonien (selbstredend "Das Lied von der Erde") sprechen für diese These. Oder hat man es doch mit eigenständigen Gattungsbeiträgen zu tun – in der Tradition Schuberts und gleichzeitig über sie hinausreichend? Wer Christian Gerhaher und Gerold Huber hört, der muss klar die These von der künstlerischen Selbständigkeit befürworten. Denn bei diesem, unter anderem von Helmut Deutsch geformten Star-Duo – von einem solchen muss bedingungslos gesprochen werden –, vergisst man gleich die üblicherweise im Ohr klingenden Orchesterfassungen, so sehr "genügen" beide dem, was man vollendete Liedkunst nennen kann. Nicht erst seit dieser Mahlerexegese, jetzt aber erst recht, darf Gerhaher als wohl reifster Bariton unserer Tage gelten, vom Stimmmaterial her vielleicht auch der seit Fischer-Dieskau "vollkommenste". Dabei frappiert vor allem seine natürliche Tongebung: kein kompliziert-gewolltes Tönebasteln, kein Forcieren oder Schummeln bei Registerwechseln stört den Fluss, stattdessen: Strahlkraft und subtilste Schattierungen. Wie kein Zweiter kann Gerhaher Mahlers, an Schubert anknüpfende Psychokunst realisieren, mit geradezu kindlicher Unschuld Glück als Schimäre, als kommendes Unglück verstehen. Sein Partner "singt" dabei nicht weniger als Gerhaher, zu bestaunen beispielsweise im letzten der "Gesellen"-Stücke mit dem Kontrast von "Trompeten"-Kriegsgräueln, denen der junge Mann bald zum Opfer fallen wird, und seinem weinend-wissenden Mädchen, das ihn liebend umfängt: Im stockend-sterbenden Staccato und dem schwebenden Legatissimo könnte diese Beklemmung nicht stärker zum Klingen gebracht werden. Schließlich: Wen bei dieser Rückert'schen "Mitternacht" keine heiligen Schauer überkommen, der muss taub sein. Grandios!

Christoph Braun, 13.11.2009



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