Kaum zu glauben: Noch immer tauchen in Archiven Dokumente auf, von denen offenbar tatsächlich kein Mensch mehr etwas wusste. Nun ist es eine bis dato nur noch in den Erinnerungen der Anwesenden lebendig gebliebene "Don Giovanni"-Premiere vom 20. März 1960, für die sich an der Kölner Oper ein sagenhaftes Star-Ensemble zusammengefunden hat. Kürzlich erst entdeckt – jetzt liegt sie als Drei-CD-Box auf dem Tisch. Wo soll man anfangen zu loben? Keine leichte Entscheidung. Fritz Wunderlichs "Nur ihrem Frieden" ("Dalla sua pace") kommt unglaublich schön und gesangstechnisch absolut vollendet daher. Georg Stern als Leporello überrascht in der "Registerarie" durch faszinierende stimmliche Präsenz bei erstklassigem Timbre – einer jener vielen kaum Bekannten ohne eigene Wikipedia-Seite, über die man, elektrisiert durch eine wahrhaft hochklassige Gesangsleistung, ad hoc fast nichts in Erfahrung bringen kann. Und Hermann Prey in der Titelpartie: Kaum ein Ton ist hier zu tief, kein Effekt zu dick aufgetragen, die Rolle sitzt perfekt – hätte er doch immer nur so gesungen! Gleiches gilt für Edith Mathis, damals ganze 22 Jahre alt, als zauberhafte Zerlina: So sollte sie uns in Erinnerung bleiben, nicht als Karl Richters Sopran-Schrapnell, als das sie während der Siebzigerjahre in zahlreichen Bachkantaten leider fungierte. Und dann Elisabeth Grümmer als Donna Anna: Gleichzeitig durchschlagskräftig und dezent, die Darbietung stets geprägt von einzigartiger Stimmkultur. Nicht zu vergessen schließlich der stimmgewaltige Franz Crass in der gewichtigen Rolle des Komturs – ein Traum an körperhaft kerniger Basspräsenz. Kein Zweifel: Hier waren unter der Leitung von Wolfgang Sawallisch die Größten ihrer Zeit am Werk. Mit vereinten Kräften haben sie einen "Don Giovanni" zuwege gebracht, dessen Wiederentdeckung man nur als einzigartigen Glücksfall bezeichnen kann.

Michael Wersin, 20.11.2009



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