Agostino Steffani

Alarico il Baltha

Stefania Maiardi, Lelio Capilupi, Marco Democratico u.a., Scarlatti Camera Ensemble, Luca Casagrande

Concerto/Klassik Center CD2039
(198 Min., 8/2008) 3 CDs

 

Agostino Steffani

Orlando generoso

Kai Wessel, Roberta Invernizzi, Susanne Rydén, Jörg Waschinski, Franz Vitzthum u.a., Musica Alta Ripa, Bernward Lohr

MDG/Naxos MDG 309 1566-2
(163 Min., 6/2008) 3 CDs

 

Sind denn nun nicht langsam genug unbekannte Barockopern ausgegraben worden? Statt eines donnernden "Nein" können die beiden vorliegenden Neueinspielungen von Opern Agostino Steffanis (1654-1728) zur Antwort dienen. Sich Arie für Arie, Duett für Duett, Ballettmusik für Ballettmusik die Ohren reibend, fragt man sich, warum dieser grandiose Komponist, der als späterer Chefdiplomat des Vatikans für das protestantische Norddeutschland auch noch eine höchst ungewöhnliche Biografie vorzuweisen hat, noch immer so wenig bekannt ist. Sicher, die faszinierend eigenständige Verschmelzung von italienischem und französischem Opernstil, die kammermusikalische Ausgefeiltheit der erfrischend knapp und präzise komponierten Arien und die hohe Tessitura in den Rezitativen verlangen nach besonders vielseitigen, virtuosen und intelligenten Interpreten. Doch selbst wenn eine Interpretation mit so vielen Mängeln behaftet ist, wie es bei der Aufnahme des "Alarico" leider der Fall ist, so lässt sich Steffani davon nicht unterkriegen: Zwar deklamieren die jungen Sänger meistenteils recht treuherzig und scheinen den perfekten Sitz ihrer teilweise durchaus angenehm timbrierten Stimmen noch nicht gefunden zu haben. Und dennoch kann man die fast volkstümlichen Melodien dieses 1687 für München geschriebenen Frühwerks, die oft nur mit einer einzigen, aber umso kunstvoller geführten Generalbasslinie in Szene gesetzt werden, nicht anders als mit Genuss und Bewunderung zur Kenntnis nehmen. Wer dennoch keine Lust auf korrigierendes Zurechthören hat, kann glücklicherweise auf den 1691 in Hannover entstandenen "Orlando generoso" ausweichen. Hier sorgen die sanft und voll intonierenden Countertenöre Kai Wessel und Franz Vitzthum sowie die ebenso sinnlich wie intelligent gestaltende Sopranistin Susanne Rydén dafür, dass das, was Gold ist, auch wirklich glänzt. Ein Fest sind insbesondere die Duette, die Steffani nicht aus Zufall in geradezu verschwenderischer Fülle über die Partitur verteilt hat und die jeden Vergleich mit Händels Kammerduetten aushalten. Problematisch ist die Liveaufnahme allenfalls an den äußeren Rändern der Männerstimmen: Jörg Waschinski gestaltet plastisch, kann seinem Soprancounter aber nicht die Überspanntheit austreiben, die für sein Stimmfach typisch ist. Der Bass Wolf Matthias Friedrich wirkt – wie der Hörer auch – stellenweise noch etwas überrascht von den ungewöhnlich ausgedehnten, hohen Koloraturen, die ihm Steffani vorschreibt. Umso mehr erfreuen jedoch sein klares Textverständnis und die dramatische Durchschlagskraft seines Organs in den tieferen und mittleren Lagen. Bernward Lohr und das aus Hannover stammende Ensemble Alta Ripa fügen die verschiedenen Einflüsse von französischer wie italienischer Musik sowie von Opern- wie Kammerstil zu einer überzeugenden Einheit, sodass diese Aufnahme zu einem der sympathischsten Denkmäler wird, die Norddeutschland seinem komponierenden Titularbischof in letzter Zeit gesetzt hat.

Carsten Niemann, 02.01.2010




Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top