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Frédéric Chopin, Ludwig van Beethoven, Franz Liszt, John Musto

Werke für Klavier

Nobuyuki Tsujii

harmonia mundi HMU 907505
(69 Min., 5 u. 6/2009) 1 CD

Und was wäre, wenn? Wenn man nun nicht wüsste, was man aber weiß, weil man einen neugierigen Blick ins Booklet geworfen hat? Hätte man ansonsten diese Aufnahme anders angehört? Man kann die Sache drehen und wenden, wie man will, der Gedanke drängt mit Macht in die dafür zuständigen Hirnbereiche und will sich auch nicht mehr daraus vertreiben lassen. Das Hören ist ein anderes mit dem Wissen darum, dass Nobuyuki Tsujii blind ist, seit seiner Geburt. Der Hörer ist, ohne Wenn und Aber, befangen, da kann er noch so abgeklärt tun. Und natürlich fragt der Hörer sich, wie ist das möglich, was hier geschieht. Unvorstellbar, dass der junge Japaner überhaupt zu solchen Leistungen fähig ist, wie sie auf dieser CD dokumentiert sind, die während des 13. Van-Cliburn-Wettbewerbs, den er gewonnen hat, entstanden ist. Selbst sehenden Auges rennen die meisten Pianisten bei der "Hammerklavier-Sonate" ins Verderben, spätestens in der Fuge, meist aber schon im Dickicht des Adagio sostenuto – man hat es häufig genug erlebt. Wie es Nobuyuki Tsujii gelingt, die Töne zu treffen, allein das ist ein Mirakel. Und wie er angesichts dieser rein technischen Hürden zu einer solch eindrücklichen Darstellung der Sonate imstande ist, auch das will einem nicht in den Kopf. Ist das Treffen der Töne vielleicht zur Abstraktion verkommen? Verliert der Notentext seinen Schrecken, wenn man ihn nicht sieht? Fragen über Fragen türmen sich auf. Und sollen letztlich unbeantwortet bleiben. Denn die Interpretation zählt, und nichts anderes. Und die ist, mit Abstrichen, die der Jugend des Pianisten geschuldet sein darf, überzeugend, ja von berührender Intensität, gerade im langsamen Satz. Manches daneben klingt ungeschlacht, unausgegoren – auch in den sechs Etüden Chopins, bei Liszts "Campanella" merkt man die Unreife. Trotzdem ein enormes Talent. Und, man kann es nicht anders annehmen, ein junger Mann mit einem herkulischen Willen. Möge er seinen Weg gehen. Die Gabe, es zu tun, hat er. Soviel wissen wir.

Tom Persich, 02.01.2010



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