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Elliott Carter

Chorwerke

SWR Vokalensemble Stuttgart, Marcus Creed

Hänssler Classic/Naxos 93.231
(58 Min., 5, 9 u. 10/2008, 3 u. 5/2009) 1 CD

Die deutschen Rundfunkchöre haben in den letzten zehn Jahren reihum ihre Existenzberechtigung unter Beweis stellen müssen, und dieser Kampf ist noch nicht in allen Fällen wirklich abgeschlossen. Im Zuge der Behauptung war auch Neuaufstellung gefragt. Nicht mehr nur Kanonenfutter für sinfonische Großprojekte konnte und wollte man sein, sondern man hatte sich zu profilieren vor dem Hintergrund einer erstarkenden Szene semiprofessioneller Chöre, die etwa in Sachen historisierende Aufführungspraxis alle Berufchöre weit hinter sich gelassen hatten. Das SWR Vokalensemble Stuttgart musste in diesem Rationalisierungsprozess auch bluten: Ein Viertel der früher 36 Planstellen wurden gestrichen. Aber unter anderem eine CD-Offensive, basierend auf dem schon früher erarbeiteten Profil des Chores als hochklassiges Medium für modernere und wenig bekannte Chormusik, verhalf dem Ensemble zu vormals kaum vorstellbarer Popularität – zwei Schallplattenpreise zeugen schon vom Erfolg des Projekts.
Ein großer Teil der Chorwerke Elliott Carters (geb. 1908), entstanden in den Jahren 1936 bis 1947, bildet nun das Repertoire der jüngsten Veröffentlichung des Vokalensembles. Wie gewohnt widmet man sich dem kaum bekannten Repertoire mit unbestechlicher Professionalität und hoher sängerischer Meisterschaft vor allem in puncto homogenes Miteinander. Man mag über den Repertoirewert dieser Chormusik streiten, ihre Darbietung auf dieser CD ist jedoch über jeden Zweifel erhaben und bietet dem Hörer die Basis für eine detaillierte Auseinandersetzung mit Carters Vokalschaffen. Carter schuf seine Chorwerke im Anschluss an seine Pariser Studienjahre bei Nadia Boulanger. Sie spiegeln sein profundes Studium der europäischen Musiktradition der Jahrhunderte wieder und sind in ihrer stilistischen Vielfalt wohl zumindest teilweise als experimentell zu begreifen. Eigenartigerweise spielte Chormusik nach 1947 in Carters Werk kaum mehr eine Rolle, obgleich er sich noch 1953 – theoretisch – mit den Anforderungen an zeitgenössisches Komponieren für Chöre beschäftigte.

Michael Wersin, 02.01.2010



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