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Franz Schubert

Die schöne Müllerin

Fritz Wunderlich, Hubert Giesen

Hänssler Classic/Naxos 93.180
(54 Min., 2/1964) 1 CD

Da ist er wieder, dieser Fritz Wunderlich. Scheint neben einem zu stehen und einem die Hand auf die Schulter zu legen, während er singt und singt – und dies mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als sei das Singen als solches die natürlichste Ausdrucksform des Menschen. Wie viele (klassische) Sänger bringen das schon zuwege? Bei den meisten fragt man sich nach kurzer Zeit: Was drückt der jetzt denn auf diesem Ton so herum, was soll dieses komische Vibrato, warum verzerrt er die Sprache so merkwürdig? All diese Irritationen bleiben aus, wenn Fritz Wunderlich singt. Ist er nicht der freundliche Sänger von nebenan, der ab und zu vorbeischaut, dabei dann und wann gern seine Stimme erhebt und alle mit seinem endlos natürlichen Charme bezaubert? Nein, ist er nicht. Erstens: Fritz Wunderlich starb vor über 40 Jahren, und dass wir seinen Gesang heute so erleben wie oben beschrieben, ist ein Wunder. Man höre zum Vergleich Aufnahmen seiner Zeitgenossen: Welche davon klingt so, als sei sie gestern entstanden? Zweitens: Auch wenn ein hohes Maß an "Natürlichkeit" (was immer das sein mag) genuin in Wunderlichs Wesen gelegen haben mag – seine zur Reife gelangte Liedgesangskunst ist das Ergebnis harter Arbeit, stundenlanger Proben vor allem mit dem Pianisten Hubert Giesen, der ihn auch in dieser Aufnahme der "Schönen Müllerin" – sie entstand 1964 im Kammermusikstudio des SWR – begleitet. Wenn Wunderlich in der Lage war, uns als Ergebnis dieses harten, mit aller Leidenschaft verfolgten Lernprozesses einen Müllerburschen zu präsentieren, der mit stupender Schlichtheit und burschenhafter Unmittelbarkeit seine hochsensible Gefühlswelt ausbreitet, dann schließt sich damit ein künstlerisch-persönlicher Kreis, den so viele Interpreten nicht zu schließen vermögen: von jugendlich-naiver Unbedarftheit (bei freilich außerordentlichem Talent!) über harte Detailarbeit hin zu einer ungleich höheren Form von wiederum in sich geschlossener, nämlich den ganzen Menschen einschließender "Natürlichkeit". Diesen Weg in so kurzer Zeit vollendet zu haben, ist das große Verdienst Fritz Wunderlichs und wird ihm ewigen Nachruhm garantieren. Die vorliegende "Schöne Müllerin" erscheint übrigens zum ersten Mal auf CD. Sie ist eine vollwertige Alternative zu der berühmten Einspielung des Zyklus in seinem Todesjahr für die Deutsche Grammophon. Für Wunderlich-Fans und -kenner handelt es sich bei dieser Veröffentlichung schlichtweg um eine Sensation.

Michael Wersin, 02.01.2010



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