Diese Einspielung von Brittens schauerlicher Henry-James-Oper “The turn of the screw” kann sich im kleinen Kreis der Aufnahmen dieses Stücks - es sind dies neben Brittens eigener Version diejenigen von Colin Davis und Daniela Harding - durchaus behaupten. Dafür ist in besonderem Maße die Interpretationsleistung von Felicity Lott verantwortlich: Sie verkörpert die Rolle der jungen Gouvernante, die an ihrem abgelegenen Einsatzort Bly Furchtbares erleben muss, mit großer Überzeugungskraft. Die anfängliche Beklommenheit angesichts der verantwortungsvollen Erziehungsaufgabe, dann ihr Grauen und ihre zunehmende Verzweiflung, als sie bemerkt, dass die ihr anvertrauten Kinder Flora und Miles von jenseitigen Mächten gesteuert werden, stellt Lott eindringlich dar als letztendlich nicht zu bewätigende Herausforderung an eine ehrlich bemühte, ganz auf sich allein gestellte und schließlich überforderte junge Frau. Philip Langridge setzt seine nicht überreichen stimmlichen Mittel sehr geschickt und ökonomisch ein zur wirkungsvollen Charakterisierung des unfassbar bösen Peter Quint, der den Knaben Miles offenbar schon zu Lebzeiten missbraucht hat und ihn jetzt aus dem Jenseits in seinen Bann zieht. Für Miles selbst konnte mit Sam Pay ein Interpret gewonnen werden, der im Blick auf die anderen Einspielungen nicht unbedingt der eindringlichste Darsteller dieser einem Kind sicher schwer zu vermittelnden Partie ist, aber dennoch einmal mehr Erstaunen hervorruft über die hohe Qualität der englischen Gesangsausbildung von Kindern. Bedauerlich, das für die Rolle von Miles’ Schwester Flora hier nicht auch ein Kind eingesetzt wurde: Die schreckliche Diskrepanz zwischen Unschuld und von außen verursachter Verdorbenheit kann Eileen Hulse mit ihrer hierfür zu weiblich timbrierten Stimme nicht überzeugend umsetzen. Insgesamt gelingt es dem bewährten Dirigenten Steuart Bedford mit seinem hervorragenden Ensemble jedoch nachhaltig, den Hörer in die von Britten evozierte neblig-trübe Halbwelt des unvorstellbar Schrecklichen, mit menschlichem Verstand nicht zu Begreifenden hineinzuziehen. Die Fragen, die auch Henry James und Benjamin Britten offen gelassen haben, beschäftigen den aufmerksamen Hörer dieser eindringlich insistierenden Darbietung zwangsläufig noch eine Weile.

Michael Wersin, 03.04.2004



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Bloß kein BreX-mas: Da haben die Chefunterhändler ganze Arbeit geleistet, damit Theresa May und Jean-Claude Juncker endlich den Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen verkünden konnten. Doch grüne Grenzen und Binnenmarkt-Bestrebungen in Ehren – wie hoch wäre eigentlich der kulturelle Verlust Europas durch den Ausstieg der Briten zu beziffern? Wir meinen, gerade was Advent und Weihnachtszeit angeht ist der Beitrag des Vereinigten Königreichs kaum hoch genug zu schätzen, da die […] mehr »


Top