Richard Strauss

Rosenkavalier-Suite, Ein Heldenleben

City of Birmingham Symphony Orchestra, Andris Nelsons

Orfeo C 803 091 A
(73 Min., 5 u. 6/2009) 1 CD

 

Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 5, Sinfonie Nr. 9

Royal Liverpool Philharmonic, Vasily Petrenko

Naxos 8.57 2167
(78 Min., 7/2008) 1 CD

 

Dass es in Großbritannien nicht nur die vier großen Londoner Orchester gibt, sondern auch sehr hörenswerte in Liverpool, Birmingham, Manchester oder Glasgow, hat sich herumgesprochen – weil man dort noch relativ kostengünstig produzieren kann. London Symphony oder Royal Philharmonic Orchestra sind so ziemlich abgesägt und produzieren jetzt ihre eigenen Labels, jeweils mit Liveaufnahmen. Das kostet dann natürlich auch nicht viel, weil es ja Konzerte mit (zum Teil beträchtlich) zahlendem Publikum sind. Inzwischen machen es die "Provinzorchester" auch schon so: Konzerte korrigiert mit anderen Konzerten oder mit Probenaufnahmen. In einer Zeit, wo Billionen flüssig sind für die Banken, muss sich die Kultur eben warm anziehen. Ist ja sowieso nur ein Luxus für Spinner wie unsereinen, und die Sorge der Politiker nähert sich bereits der Talibanisierung der anderen Seite, des Kapitalismus. Aber man sollte jetzt vielleicht nicht das ganz große Rad drehen – es geht lediglich um zwei sehr interessante Neuaufnahmen aus der britischen Provinz.
Vielleicht ist die "Rosenkavalier"-Suite, die der junge Andris Nelsons, ein ehemaliger Trompeter aus Riga, mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra aufschäumt, eine Spur zu selbstverliebt – man merkt, er ist vom Zwang befreit, Sänger begleiten zu müssen. Aber im Booklettext sagt Nelsons intelligente Sachen wie: Diese vom Dirigenten Artur Rodziński zusammengekleisterte Suite sei "die Erinnerung an eine Erinnerung", weil "Der Rosenkavalier" ohnehin eine "Erinnerungs"-Oper ist, ganz vom Beginn des 20. Jahrhunderts aus gedacht. Aber die durchaus autobiografisch gemeinte Tondichtung "Ein Heldenleben" hat Wucht und Stringenz, ihr Gründerzeit-Pathos wird eher unterspielt. Trotzdem: jede Menge Feuer und Schwefel. Und in der zweiten Abteilung, "Des Helden Widersacher", wurden wir Kritiker selten so lustvoll karikiert – während der Held sich schwer und melancholisch über das Holzbläser-Gekeife erhebt. Jaja, wir Wadelbeißer. Und Laurence Jackson, Primgeiger des CBSO, der schon im "Rosenkavalier" sehr schlank und schön gespielt hat, gibt das andere Keifen, nämlich das von "Des Helden Gefährtin" Pauline de Ahna, eben nicht als Karikatur – er lässt der Frau ihre Würde. Schöne Aufnahme, rundum.
Die fünfte Sinfonie war ja Schostakowitschs scheinbares Einlenken, nachdem Stalin ihn durch seinen Kulturbüttel Schdanow in der "Prawda" hatte anpinkeln lassen, weil seine Vierte und die Oper "Lady Macbeth aus Mzensk" westlicher Dekadenz anheimgefallen seien. Nun, mit der Fünften hat Semyon Bychkov in seiner West-Debütaufnahme mit den Berliner Philharmonikern vielleicht noch klarer gemacht, wie erzwungen dieses Kuschen war – und wie sich Schostakowitsch dennoch dagegen auflehnte: Es klang wie ein Parteitag des Todes. Der ebenfalls noch junge Vasily Petrenko aus St. Petersburg kommt zu ganz ähnlichen Lösungen mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra – durch hohles Parteitagspathos zittert immer wieder der Aufschrei einer geknechteten Seele. Und die neunte Sinfonie ist sowieso ein Fall für sich. Diktator Stalin bestellte bei Schostakowitsch etwas, das wäre wie Beethovens Neunte, lediglich nun ihn verherrlichend. Und der Komponist lieferte etwas, das eher leise ist, verspielt, verrätselt, fast ein neoklassisches Schelmenstück. Das wiederum brachte Bernstein noch hintergründiger, Petrenko nimmt es vielleicht ein bisschen 1:1 – aber durchaus mit Schärfe. Man merkt auch hier, dass ein empfindsamer Geist sich auflehnt gegen ein dummes und unmenschliches System. Und dass er sich insgeheim denkt: Mich werdet ihr sowieso nie verstehen.

Thomas Rübenacker, 23.01.2010




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