Am Ende erobern sich dann wieder die schwarz Verhüllten die Bühne, denn auf die Trauer des Anfangs folgt am Schluss das Sterben, auch wenn sich zwischendurch lichtes Weiß gezeigt hat. Rolf Borziks schlichte Bühne von 1975 ist ebenso zeitlos geblieben wie Pina Bauschs zweite tänzerisch-choregrafische Umsetzung einer Gluck-Oper. Was vor 35 Jahren im provinziellen Wuppertal auf den Ausdruckstanzspuren ihres Lehrers Kurt Joos ein tastender Versuch hin zum neuen Genre Tanztheater war, das wurde im Februar 2008 zu einem Triumph im luxuriösen Palais Garnier. Als zweites Stück nach dem "Sacre" durfte das berühmte Ballet de l’Opéra ein Stück der Bausch nachtanzen. Und entledigte sich der nunmehr nicht mehr so ungewohnten Aufgabe mit Bravour und echt empfundener Intensität.
Bausch lässt deutsch singen und sehr deutsch leiden. Und trotzdem hat das bei aller klassischen Modernität die edle Trauergebärde eines niederdeutschen Renaissancealtars. Die Bausch macht die fantastischen Choristen des Balthasar-Neumann-Ensembles unsichtbar, der feingliedrige Orpheus von Yann Bridard wird freilich genauso sängerisch gedoubelt wie die anderen beiden Protagonisten. Nähert er sich der herben Mezzosopranistin Maria Riccarda Wesseling, scheint sich hier fast eine neue Paarbeziehung anzudeuten. Diese Art von vertanzter Oper müsste den härtesten Balletthasser überzeugen, auch weil Thomas Hengelbrock musikalisch so großartig auftrumpft und jeder Klanggeste die Bewegung gleichsam abpresst.

Matthias Siehler, 30.01.2010



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