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Charles-Marie Widor

Orgelsinfonien op. 13

Joris Verdin

Ricercar/Note 1 RIC286
(90 Min., 1/2009) 2 CDs

Bei dem Orgelsinfonie-Komponisten Charles-Marie Widor denkt man zunächst an den Schöpfer eines der Bravourstücke überhaupt, an die "Toccata" aus seiner 5. Symphonie. Doch der Rest seines Werks fristet ein eher mäßig beachtetes Dasein – darunter auch seine ersten vier Orgelsinfonien, die als allzu spätromantisch überladen und unentschieden in ihrer formalen Haltung gelten.
Grund hierfür mögen die Bearbeitungen gewesen sein, die Widor in seinem langen Leben (er starb 1937 im Alter von 93 Jahren) von ihnen herstellte und dabei ständig mit neuen, nicht immer zufrieden stellenden Registrierungen experimentierte. Der belgische Experte für die Blütezeit der französischen Orgelmusik im 19. Jahrhundert, Joris Verdin, hat nun die vier Orgelsinfonien op. 13 erstmals in der Originalfassung Widors von 1872 gesamteingespielt. Und das hat sich gelohnt: Die nunmehr von allen Klangeffekten bereinigten Werke besitzen ein Höchstmaß an farbig gestalteter Empfindsamkeit und sanften Klangmischungen.
Nicht nur auf dem (Noten-)Papier deuten die kontrapunktischen Konstruktionen den neo-barocken Geist an, von dem sich Widor packen ließ. Joris Verdin legt sie an der riesigen Cavaillé-Coll-Orgel in der Abtei Royaumont differenziert transparent, doch ohne akademischen Hautgout frei. Der meditativ-sanfte Gehalt der Sinfonien ist bei Verdin Dreh- und Angelpunkt, selbst das kanzonenhafte Melos kann er in einen spirituellen Gedankenstrom verwandeln.
Diese Aufnahme führt vor Ohren, dass Widor nie den reichen Orchesterklang mehr schlecht als recht zu imitieren versuchte (was ihm lange vorgeworfen wurde). Im Gegenteil: Die ersten vier Orgelsinfonien erscheinen jetzt als in sich geschlossene Kunstwerke, die ganz und gar dem kammermusikalischen Ausdrucksvermögen der Orgel nachspüren.

Guido Fischer, 30.01.2010



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